SCHREIB Waren : Mit vollen Segeln das Leben hinunter

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„Der Träge sitzt, weiß nicht, wo aus, Und über ihm stürzt ein das Haus, Mit vollen Segeln munter fährt der Frohe das Leben hinunter.“ So formulierte der Dichter Ludwig Tieck den Zusammenhang von Schifffahrtswesen und Existenzgestaltung. Er bestimmt auch den neuen Roman Leichtmatrosen von Tom Liehr. Obwohl sich der Held Patrick sicher ist, dass ihn seine Freundin betrügt, muss er ausgerechnet jetzt eine mit Freunden geplante Bootstour antreten. Gemeinsam wollen die vier Männer mit einem Hausboot die Havel hinaufschippern. Auf dem Wasser heißt es dann so mancher Wahrheit ins Gesicht schauen – während der Fluss eher gemächlich dahinfließt, schlagen die Stürme des Lebens plötzlich hohe Wellen. Klarer Fall von seelischer Seenot. Doch wird uns für die Buchpremiere am Freitag neben Tiefgang auch Amüsemeng versprochen. Unterstützt wird das Ansinnen durch die Shantycrew X-berg, eine robuste Männertruppe mit zarter Seele, die mit traditionellen Seefahrerliedern im – wo sonst? – Heimathafen Neukölln für maritime Atmosphäre sorgt (19.30 Uhr, KarlMarx-Str. 141).

Unterwegs an verschiedenen kulturellen Gestaden ist die Generation, die Taiye Selasi in ihrem stilbildenden Essay „Bye Bye Babar“ als „Afropoliten“ definiert hat: „Sie erkennen uns an der lustigen Kombination von Londoner Mode, New Yorker Jargon, afrikanischen Wertvorstellungen und akademischen Erfolgen.“ Diese „Weltafrikaner“ bilden eine junge, erfolgreiche Elite, als deren leuchtendes Beispiel die Autorin selbst gelten kann: In London geboren, wuchs sie in Massachusetts auf, studierte in Yale und Oxford, lebte in New York, London und nun in Rom. Selasis hoch gelobter Debütroman Diese Dinge geschehen nicht einfach so erzählt von einer afropolitischen Familie. Der Vater, aus Ghana in die USA immigriert, arbeitet als brillanter Chirurg, die Kinder machen Karriere. Doch dann kommt der Schicksalsschlag, der die Familie zerstört: Der Vater macht einen Kunstfehler, kehrt aus Scham heim nach Ghana. Anlässlich seines Begräbnisses treffen die Familiemitglieder zusammen. Und es zeigt sich, dass die Dinge eben nicht einfach so geschehen, dass sie einen rassistischen Hintergrund haben. Die deutsche Buchpremiere mit der Autorin findet am Samstag in der Kulturbrauerei statt, es liest Fritzi Haberlandt (20 Uhr, Schönhauser Allee 36).

Der Erkenntnisgewinn dieser Woche lässt sich vielleicht am besten mit Christoph Schmidtke resümieren: „Das Leben ist schön. Vielleicht nicht immer da, wo man gerade ist. Aber es fahren ja Busse.“ Mobil sein bei der Glückssuche, darauf scheint es hinauszulaufen. Wir nehmen folglich am Sonntag den Schienenersatzverkehr zum Theater Aufbau Kreuzberg, wo Schmidtke seine CD präsentiert (11.30 Uhr, Prinzenstr. 85 F).

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