SCHREIB Waren : Querfeldein übers Land

von

Die in Berlin lebende japanische Autorin Yoko Tawada hat einmal beschrieben, welche Eigenwilligkeiten der Wechsel zwischen japanischen und deutschen Schriftsystemen produzieren kann: Manchmal erscheinen Zeichen der anderen Sprache, Buchstabengespenster genannt. Oder die Umsetzung der japanischen Silbenschrift in Ideogramme macht aus dem „Schlafwagen“ einen „toten Arzt“. Bedeuten also die Grenzen meiner Computerprogramme heute die Grenzen meiner Welt, um den viel zitierten Satz Ludwig Wittgensteins mal medientechnisch upzudaten?

Wie das Schreiben zwischen fremden Sprachen und Kulturen genau aussieht, dieser Frage geht die Reihe „Überlandleitung“ in der Lettrétage (Methfesselstr. 23 – 25) an zwei Tagen dieser Woche jeweils um 19.30 Uhr nach. Am Mittwoch liest Tzveta Sofronieva, die auch das Netzwerk „Verbotene Worte“ gegründet hat. Der Grund: Ihr bulgarisches Gedicht „Heimat“ durfte in der deutschen Übersetzung nicht so heißen, weil das Wort zu „belastet“ war. Und auch die Wörter Seele, Trost, Sehnsucht, Elite, Begabung und sogar die doch eigentlich harmlose Großmutter erwiesen sich als suspekt. Übersetzungen sind also nicht nur Neudichtungen, unterwegs von der einen in die andere Sprache geht auch so manches Wort verschütt.

Die zweite „Überlandleitung“ führt am Freitag zu Abbas Khider. Gerade erschien dessen hochgelobter Roman „Die Orangen des Präsidenten“ (Edition Nautilus), der auf Gefängniserfahrungen des Autors basiert. In Bagdad geboren, wurde Khider mit 19 Jahren aufgrund seiner politischen Aktivitäten eingesperrt und gefoltert. Nach seiner Flucht aus dem Irak begann eine Odyssee durch verschiedene Länder bis Khider schließlich in Berlin eine neue, ja doch: Heimat fand. Um im Gefängnis zu überleben, bedürfe es der Hoffnungslosigkeit. Man dürfe nie daran denken, jemals wieder herauszukommen, sonst sei man verloren, beschrieb der äußerst lebenslustig wirkende Autor seine Erkenntnis.

Nicht selten wird das Leben zwischen den Kulturen und Sprachen ja nicht freiwillig gewählt, sondern durch Flucht und Emigration erzwungen. Verena Stefan hat den Lebensweg von Holocaust-Überlebenden in Montréal in dem von ihr mitherausgegebenen Buch „Als sei ich von einem anderen Stern“ (Wunderhorn) rekonstruiert, das sie am Mittwoch um 20 Uhr im Literaturforum im Brecht-Haus vorstellt (Chausseestraße 125). Wie gingen die Flüchtlinge nach ihrer Emigration mit ihrer eigenen, durch die Nationalsozialisten missbrauchten Sprache um?

Den Sonntag könnte man nutzen, um endlich mal eine eigene Überlandleitung zu legen und ins 80 Kilometer entfernte Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf zu fahren. Hier residierte die ungemein produktive Romantikerin Bettine von Arnim, geborene Brentano, die im Vormärz auch politisch für Wirbel sorgte. Als sie sich 1847 mit dem Magistrat der Stadt Berlin anlegt, wird sie zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt – und verkündet, lieber drei absitzen zu wollen, da sie endlich mal ungestört ein Buch fertigstellen wolle. Dem Gefängnisaufenthalt hat sie sich dann allerdings doch lieber entzogen. In diesem historischen Ambiente liest um 15 Uhr die in Budapest geborene Autorin Léda Forgó aus ihrem Roman „Vom Ausbleiben der Schönheit“ (Rowohlt Berlin). Bei einem Spaziergang durch das schmucke Anwesen dürfte sich diese aber ganz zwanglos von alleine einstellen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben