SCHREIB Waren : Schach plus Boxen

von

Obwohl es überall hängt, nehmen wir es kaum wahr: das kleine Schild „Gehwegschäden“. Helmut Kuhn gibt ihm in seinem gleichnamigen Roman eine gesellschaftsdiagnostische Bedeutung: Lieber Bürger, wir haben resigniert. Wir reparieren nichts mehr, wir verwalten den Verfall nur noch. Kuhns Held, der freiberufliche Journalist Thomas Frantz, verwaltet den eigenen sozialen Verfall, lebt er doch am Rande des Existenzminimums. Orientiert an Döblins „Berlin Alexanderplatz“ schreibt Kuhn Stadtgeschichte fort: Wo früher das Proletariat sein Feierabendbier trank, sitzen nun die Prekarianer in Cafés vor den Laptops. Doch während sich die Arbeiterklasse früher eher sinnfrei auf Maul haute, betreibt der Prekarianer heute das Schachboxen: Schach- und Boxrunden wechseln sich ab. Ein schönes Sinnbild für den Versuch, sich intelligent durchzuschlagen (Mittwoch, 20.30 Uhr, Z-Bar, Bergstraße 2, Mitte).

Auch Studienrat Wilms in „Drei Klausuren und ein Todesfall“ will sich beruflich durchschlagen – und zwar nach oben. Doch sein Plan eskaliert: Intrigen vergiften das Lehrerzimmer, das hier als sozialer Mikrokosmos fungiert. Der Autor Michael Marten ist Pädagoge, vermutlich hat hier die Erfahrung die Feder geführt (Freitag, 19.30 Uhr, Buchhandlung Buchbund, Sanderstraße. 8, Neukölln).

Und auch der Philosophieprofessor Hartmut Hainbach ist nicht glücklich. Sein Frau lebt neuerdings in Berlin, Tochter und Unireformen nerven. Dass hier „Fliehkräfte“ entstehen, ist nur logisch. Und so schickt Stephan Thomé den Helden auf eine Reise, die ihn nach Lissabon und in die Vergangenheit führt (Dienstag, 20 Uhr, Literarisches Colloquium, Am Sandwerder 5, Wannsee). Klugerweise meidet er dabei Berlin, denn die Stolperfallen sind hier ja, wie wir gelernt haben, allgegenwärtig.

0 Kommentare

Neuester Kommentar