SCHREIB Waren : Traumhafte Eigentore

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Braucht man zum Fußballspielen Hirn? Unbedingt, meint der Kabarettist Dieter Nuhr: „Männer haben 100 Gramm mehr Gehirn als Frauen – da ist unter anderem die Abseitsregel drin.“ Dieser zerebralen Mehrleistung ist vermutlich die Erkenntnis Frank Beckenbauers zur WM 1990 zu verdanken: „Damals hat die halbe Nation hinter dem Fernseher gestanden.“ Wie sinnvoll Frauenfußball ist, zeigt deshalb die Tatsache, dass dieser Tage die halbe Nation vor dem Fernseher sitzt. Gründe für diesen Blickwechsel bietet der Fußballphilosoph und Gender-Experte Lothar Matthäus: „Die Frauen haben sich entwickelt in den letzten Jahren. Sie stehen nicht mehr zufrieden am Herd, waschen Wäsche und passen aufs Kind auf. Männer müssen das akzeptieren.“ Angesichts dieser Entwicklungen darf die Literatur nicht zurückstehen: Am Dienstag um 19 Uhr lesen die Autorinnen Carmen Korn und Nina George in der Bruno-Lösche- Bibliothek (Perleberger Str. 33) aus „Scharf geschossen“, der Krimi-Anthologie zur Frauen-Fußball-WM 2011.

Wie nicht nur das Hirn von innen aussieht, sondern überhaupt der ganze Mensch, beschreibt Wilhelm Bartsch in seinem Roman „Meckels Messerzüge“, aus dem er am Mittwoch um 20 Uhr im Literaturforum im Brecht- Haus (Chausseestr. 125) lesen wird. Darin geht es um zwei berühmte Anatomen, die Halbbrüder Johann Friedrich und Albrecht August Meckel, die zu Übungszwecken schon mal den toten Vater auskochen. Danach wird dieser, es handelt sich um den Chirurgen Philipp Theodor Meckel, seziert. Wissenschaft verlangt eben Opfer.

Und jetzt muss eine verlegerische Großtat bejubelt werden: die Edition der Tagebücher des Anarchisten, Dichters und Räterevolutionäres Erich Mühsam, die der Verbrecher Verlag zugleich als Printfassung und online auf den Weg bringt. Das bedeutet nicht nur, dass die Verbrecherverleger das Wagnis eingehen, weniger Bücher abzusetzen, sondern auch, dass die Leser zu Mittätern, sprich: Miteditoren werden, denn Kommentare, Korrekturen und Hinweise sind ausdrücklich erwünscht und werden in die weiteren Bände einfließen. Willkommen in der literaturwissenschaftlichen Schwarmintelligenz! Mühsams Werk, das zeigt bereits der erste Band aus den Jahren 1910/11, stellt ein Zeitdokument ersten Ranges dar – das ironisch geschilderte Leben der Münchner Boheme zwischen Finanznöten, Erotik und Politik. Die Editionspremiere mit den Herausgebern Chris Hirte und Conrad Piens findet am Donnerstag um 20 Uhr im Brecht-Haus statt – und wer könnte Mühsam besser lesen als der wunderbare Josef Bierbichler? Zur Abseitsregel erkannte übrigens dessen Landsmann Franz Beckenbauer: „Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift.“ Verehrte Damen, pfeifen Sie auf die 100 Gramm Zusatzgehirn, die werden auch von Männern nicht wirklich gebraucht.

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