SCHREIB Waren : Und am Ende wird geheiratet

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„Die Poesie löst fremdes Dasein im eignen auf“, behauptete der Dichter Novalis. Ob dies tatsächlich so ist – und wenn ja, wie man sich diesen Vorgang vorstellen muss – kann diese Woche erkundet werden. Zum sechsten Mal stellt die Latinale aktuelle Lyrik aus Lateinamerika vor, dieses Jahr erstmals im Austausch mit jungen Dichtern aus Deutschland. Die Auftaktveranstaltung „Boxeot poético“ findet am Dienstag um 19 Uhr im Musikinstrumenten-Museum (Tiergartenstraße 1) statt, es lesen Björn Kuhligk, Luis Alberto Arellano, Damaris Calderón, Martín Gambarotta und Jinn Pogy. Achtung: Die Veranstaltung findet in spanischer Sprache statt!

Zweisprachig geht es am Mittwoch um 20 Uhr mit einer Underground-Lesung weiter (Treffpunkt: Eis 36, Adalbertstr. 96), an der spontan auch Poesiebegeisterte teilnehmen können. Die Versnacht am Donnerstag um 20 Uhr im Instituto Cervantes (Rosenstr. 18-19) wird von Monika Rinck, Luis Chaves, Jinn Pogy, Ernesto Suárez, Victoria Guerrero, Tom Schulz und Benjamín Moreno bestritten, am Freitag treten ebendort zur gleichen Zeit Luis Alberto Arellano, Andira Watson, Björn Kuhligk, Maricela Guerrero, Martín Gambarotta, Odile Kennel und Damaris Calderón auf.

Allerdings könnte man am Freitag auch einen Ausflug in prosaischere Gefilde unternehmen. Jeffrey Eugenides liest um 19 Uhr im Berliner Verlag (Karl-Liebknecht- Str. 29, Karten im Kundencenter oder unter Tel.: 2327-6341) aus seinem neuen Roman „Die Liebeshandlung“, die deutsche Übersetzung spricht der Schauspieler Ulrich Matthes. Eugenides dekonstruierte mit seinem Weltbestseller „Middlesex“ nachhaltig die Geschlechteridentitäten. Dafür erhielt er 2003 den Pulitzer- Preis. Jetzt wendet er sich in seinem neuen Roman der Frage zu, ob und wie Liebesverhältnisse heute funktionieren. Natürlich bleibt auch da kein Stein auf dem anderen. Dies macht schon der englische Titel „The Marriage Plot“ deutlich. Dieser literaturwissenschaftliche Begriff beschreibt das Ziel der viktorianischen Liebesgeschichten des 19. Jahrhunderts. Die ganze Handlung läuft darauf hinaus, dass am Ende endlich eine Ehe geschlossen werden kann. Zwar kann Madeleine, die weibliche Hauptfigur, heute noch eine wissenschaftliche Arbeit über den Marriage Plot schreiben, in ihrem realen Leben erweist sich die ehefixierte Liebeshandlung aber zunehmend als Illusion: „Es gibt kein Glück in der Liebe, außer am Ende eines englischen Romans.“ Wem das zu traurig ist, der lasse sich am Samstag um 15 Uhr von Luis Chaves am Treffpunkt Eis 36 zum Trost eine leckere „Bratwortpoesie“ servieren.

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