SCHREIB Waren : Verfinsterung und Verschmelzung

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Ideale sind gut, schön und richtig – oder etwa nicht? Friedrich Nietzsche jedenfalls sah sie als zwiespältige Angelegenheit: „Alle Ideale sind gefährlich: weil sie das Tatsächliche erniedrigen und brandmarken; alle sind Gifte, aber als zeitweilige Heilmittel unentbehrlich.“ Die Journalistin Julia Friedrichs ist auf die Suche nach aktuellen Idealen und das heißt natürlich: nach den Idealisten gegangen. Was diese umtreibt, kann man Mittwoch um 20 Uhr im Babylon Mitte (Rosa-Luxemburg-Str. 30) erfahren, wo die Autorin aus ihrem Buch „Ideale“ liest.

Über eine lange Tradition als idealische Gegenwelt verfügt das Theater: Goethe ließ seinen Wilhelm Meister einer „theatralischen Sendung“ folgen, Karl Philipp Moritz beschrieb die „Theatromanie“, an der Anton Reiser litt. Wilhelm Meister wählt letztlich ein unkünstlerisches Leben, Reisers Schauspielpläne enden schlagartig, als der Theaterimpresario mit der Kasse verschwindet. Nicht viel besser ergeht es dem Protagonisten in Michael Buselmeiers Theaterroman „Wunsiedel“: Sein Held muss im Sommer 1964 im gleichnamigen Ort leidvoll erfahren, was es heißt, an einer dilettantischen Inszenierung mitzuwirken. Gegen diesen „Verfinsterungsort“ helfen die Romane des in Wunsiedel geborenen Jean Paul. Michael Buselmeier liest am Mittwoch um 20 Uhr im Literaturhaus (Fasanenstr. 23). Es moderiert Tagesspiegel-Literaturredakteur Gregor Dotzauer.

Auch das ostfriesische Dorf Jericho konnte manchem in den siebziger Jahren als Verfinsterungsort erscheinen: Jan Brandts Roman „Gegen die Welt“, der für den Buchpreis nominiert war, entwirft einen Mikrokosmos der alten BRD. Der Held fungiert als Sündenbock der Dorfgemeinschaft, seine fiktive Gegenwelt speist sich allerdings nicht aus feingeistiger Lektüre, sondern aus Perry Rhodan- Heftchen. Brandt liest am Donnerstag um 20 Uhr in der Volksbühne.

Das Ideal einer Verschmelzung von Text, Kunst und Politik verfolgten die Belgrader Surrealisten, denen sich die Volksbühne am Freitag und Samstag jeweils um 20 Uhr widmet. Am ersten Abend erläutert der Slawist Davor Beganovik das 1938 verfasste und sogleich verbotene Poem „Turpituda“ von Marko Ristik, von dem auch 16 Collagen gezeigt werden. Am zweiten Abend liest der Autor Jovan Nikolik Geschichten aus einem Romadorf. Nicht zuletzt geht es um den gescheiterten Traum, in Belgrad ein Museum zu gründen, um so dem serbischen Surrealismus eine „Heimat“ zu geben.

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