SCHREIB Waren : Von Klagenfurt bis Damaskus

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Das Wettlesen beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt ist so etwas wie ein medialer Turbolader für junge Autoren, die am Beginn ihrer Karriere stehen. Entsprechend einflussreich sind die Entscheidungen der Jury. Doch hier gilt: Man sieht sich im Leben immer zweimal. Denn kaum hat diese ihre Auszeichnungen vergeben, wird sie selbst zum Gegenstand feuilletonistischer Debatten. Hat sie zu Recht gelobt, kritisiert und moniert? Dieses Jahr waren alle zufrieden: Olga Martynovas Text „Ich werde sagen: Hi“ überzeugte auch die Kritikerzunft.

Die Veranstaltung „Klagenfurt liest!“ in der Literaturwerkstatt bietet die Möglichkeit, sich einen Eindruck von den Preisgekrönten sowie von potenziellen Titelanwärterinnen zu verschaffen: Neben Olga Martynova lesen die 3sat-Preisträgerin Lisa Kränzler und Inger-Maria Mahlke, die den Ernst-Willner-Preis erhielt, sowie die Berliner Autorinnen Yulia Marfutova und Ellen Wesemüller, die am Klagenfurter Literaturkurs teilnahmen. Es moderiert Tagesspiegel-Literaturredakteur Gregor Dotzauer (Donnerstag, 20 Uhr, Knaackstr. 97).

Wie wird man eigentlich Schriftsteller? Darüber geben diese Woche zwei sehr unterschiedliche Bücher Auskunft. Walter Kempowski betraute kurz vor seinem Tod seinen langjährigen Mitarbeiter Dirk Hempel mit der Herausgabe des sogenannten „Sockeltagebuchs“, das nun unter dem Titel „Wenn das man gut geht!“ vorliegt. Die Aufzeichnungen aus den Jahren 1956 bis 1970 dokumentieren die Sorgen und Nöte des jungen Autors, der sich als Dorfschullehrer durchschlagen muss. Abgerundet wird der Band durch Briefwechsel des Autors, so mit Fritz J. Raddatz, seinem damaligen Lektor im Rowohlt Verlag. Am Freitag laden die Schauspielerin Fritzi Haberlandt und der Lyriker Thomas Rosenlöcher zum Kempowski-Abend in die Akademie der Künste. Das wird sicher sehr amüsant, da Rosenlöcher, ein ausgesprochen feinsinniger und selbstironischer Autor, auch Einblicke in eigene Tagebuchtexte gibt und in einen poetischen Dialog mit Kempowski tritt (20 Uhr, Pariser Platz 4).

Während Kempowski den tragischen Steinewälzer Sisyphos als Vorbild für sein eigenes Schaffen wählte, kam diese Rolle bei Rafik Schami eher dem fabulierlustigen Großvater zu. In seinem neuen Buch „Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte“ zeigt der in Syrien geborene Autor, wo die Wurzeln seiner Schreiblust liegen: Neben den Erzählungen seines Opas spielen die Geschichtenerzähler in der Altstadt von Damaskus eine zentrale Rolle. Hier traf er als Junge auch auf die titelgebende Dame, die ihren Mann loswerden wollte. Vielleicht muss man dieses Verfahren nicht gleich mit einem Preis auszeichnen, wir hoffen aber, dass die Dame einen angemessen hohen erzielte. (Samstag, 20 Uhr, Babylon Mitte, Rosa-Luxemburg-Str. 30).

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