Schreibwaren : Von Piraten verschleppt

Steffen Richter über Grenzgänger und Seitenwechsler

Steffen Richter

Doppelweltler stehen hoch im Kurs. Wo die Konfrontation am größten ist, wächst offenbar auch die Sehnsucht nach Vermittlung. Wer da auf mindestens zwei Seiten zu Hause war oder ist, hat die besseren Karten. Muhammad al-Wazzan scheint ein solcher Fall zu sein. Geboren wird der Mann an der Schwelle zur Neuzeit in Andalusien. Wächst in Marokko auf und bereist bald als hochrangiger islamischer Diplomat den Maghreb, dann Mekka und Istanbul. Im Jahr 1518 wird er im Mittelmeer von spanischen Piraten gefangen genommen, die ihre prominente Beute ins Zentrum der katholischen Welt bringen: nach Rom. Hier nun wird aus dem muslimischen Sklaven al-Wazzan mittels Taufe der freie Christ Giovanni Leone. Mit seinem Insiderwissen dient er dem Papst als politischer Berater und Islamexperte. Außerdem arbeitet er an einer lateinischen Koranübersetzung und einem arabisch-hebräisch-lateinischen Wörterbuch. So richtig berühmt wird er aber, als er dem Westen mit einer „Descrittione dell’Africa“ ein neues Bild Afrikas vermittelt. Fortan heißt er Leo Africanus. Ein Mann wie geschaffen für die gegenwärtigen Ost-West/Nord-Süd-Konflikte.

Schade nur, dass man von Leos Leben sehr wenig weiß. Böse Zungen behaupten sogar, er habe nie gelebt und seine Bücher seien von Ghostwritern geschrieben. Deswegen könnte man Natalie Zemon Davis’ „Leo Africanus“ (siehe auch den Text auf Seite 22) dem Sub-Genre der „konjunktivischen Biografik“ zurechnen. Die christlich-islamische Welt des 16. Jahrhunderts wird hier wunderbar beschrieben – und Leo, nun ja, wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn eben erfinden. Jedenfalls hat es seine Richtigkeit, dass die Historikerin Davis ihr Buch heute (19 Uhr) präsentiert (Ausstellungsraum der Staatsbibliothek, Potsdamer Str.33, Tiergarten).

Im Brecht-Haus treffen am 4.12. zwei Berliner Grenzgängerinnen par excellence zusammen (Chausseestr.125, Mitte, 20 Uhr): Katja Lange-Müller, die 1984 aus dem Osten in den Westen ging und sich in „Böse Schafe“ eindrücklich mit der Stimmungslage West-Berlins vor dem Mauerfall beschäftigt hat; und Emine Sevgi Özdamar, die in den siebziger Jahren aus der Türkei nach Berlin kam und hier zwischen einem WG-Zimmer im Wedding und ihrer Arbeit an der Ost-Berliner Volksbühne pendelte – so steht es in ihrem letzten Buch „Seltsame Sterne starren zur Erde“. Wohl dem, der nicht immer nur auf einer Seite war, daheim geblieben ist und seinen Garten bestellt hat.

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