Kultur : Schreibwaren

"Wie hören wir denn ein jeglicher seine Sprache, darinnen wir geboren sind?", fragten sich die Parther und Meder und Elamiter und jene aus Mesopotamien, Judäa, Kappadozien und Asien, die Juden und Kreter und Araber. Und sie erklärten es sich mit der Ausgießung des Heiligen Geistes über die Jünger. Das Pfingstwunder ist ein starkes Argument für den Glauben und der Kirchengründung sehr dienlich.

Einen schwachen Widerschein der Flämmchen auf den Zungen erleben wir in der Pfingstwoche in den literarischen Stimmen aus aller Herren Länder, die die Berliner in ihrer Sprache vernehmen können. Dennoch: Pfingsten ist das Fest der Übersetzer.

Aus Israel bringen sie uns Dan Tsalka (Literarisches Colloquium, 16.5., 20 Uhr) und sein knapp 1000-seitiges Epos "Tausend Herzen" (DVA) nahe. Tsalka erzählt von den mehr als 600 Menschen, denen 1919 auf der MS Ruslan die Flucht aus dem umkämpften Odessa gelingt. Als die Tochter seiner wichtigsten Gestalt, des polnischen Architekten und Skeptikers Ezra Marinski, in den Sechzigern zum Vergnügen in das Swinging London reist, endet das Epos der Aliyah, der jüdischen Auswanderung in das Heilige Land.

Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt. Mit der Besetzung palästinensischen Landes im Sechs-Tage-Krieg fängt für viele Israelis das gegenwärtige Elend an. Tsalka, 1936 in Warschau geboren, vor den Deutschen nach Kasachstan geflohen und 1957 nach Israel emigriert, hat dem Zionismus ein fesselndes Denkmal gesetzt.

Aus England krakeelt Will Self herüber. Er lässt in seinem Roman "Wie Tote leben" eine krege, immerfort keifende alte Dame erst an Krebs sterben und dann als Tote weiterleben. Erfreut vermerkt sie, dass das Mieder nicht mehr kneift und das Rauchen sie nicht mehr umbringen kann. Doch Lily Bloom ist nicht allein in Schattenlondon (Literarisches Colloquium, 15.5., 20 Uhr).

Aus unserer Mitte hingegen und doch wie aus einer anderen Welt klingt die Stimme Carl Amerys (Literaturwerkstatt, Kulturbrauerei, 16.5., 20 Uhr). 80 Jahre alt ist der "Humanist und Moralist" gerade geworden. Als wortgewaltiger Prediger fordert er in "Global Exit" die Kirchen auf, dem "Totalen Markt" entgegenzutreten, bevor dieser die Schöpfung zugrunde richtet. Gegen die "Kultur der kollektiven Selbstmordvorbereitung" empfiehlt Amery das Erbarmen: die freiwillige Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten.

In Jugoslawien wurde Dragan Velikic geboren, heute lebt er in Budapest. Ivan Bazarov besitzt in seinem Roman "Der Fall Bremen" synästhetische Fähigkeiten: Eine Postkarte des Potsdamer Platzes lässt ihn Geräusche vernehmen, beim Betrachten von Fotografien hört er Stimmen, Farben rufen Gerüche herauf, Töne russische Weiten. Ivan erschafft sich Welten, denn sein Großvater und sein Vater verloren die ihren immer wieder: Das 20. Jahrhundert trieb sie als Emigranten durch Europa.

Dass Velikic von den Verstreuten und ihrer Rettung durch die literarische Sprache gerade am Pfingstsonntag liest (Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, 19.5., 14 Uhr), ist gewiss kein Zufall. Eher weltliche Geister seien auf die schöne Landpartie hingewiesen. Freilich: Geister sollten es an diesem Tag schon sein!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben