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Jörg Plath über Paul Celans Lieblingsspieler

Ruhiger ist es in der Stadt geworden. Fließender scheint der Verkehr, freundlicher sind die Polizisten, und die Lesungen letzte Woche verliefen sämtlich störungsfrei. Eine gewisse Dosis medialen Volkssports zu früher Stunde beruhigt offenbar ungemein. Dem Geschehen in Asien muss ich daher gleich zu Beginn Tribut zollen: „Diese Fußballspieler“, sagte niemand anders als Paul Celan zu Hermann und Hanne Lenz. Freilich meinte er Mitte der 50er Jahre nicht die Mannen um Fritz Walther, sondern jene um Hans Werner Richter.

Celan hatte in der Gruppe 47 gelesen und sich von einem Kollegen anhören müssen, er habe seine „unsympathischen Gedichte“ im Tonfall von Goebbels vorgetragen. Paul Celan und Hermann Lenz, der sanft-melancholische Stifternachfahr? Was hatten die beiden und Hanne Lenz miteinander zu schaffen? Das Ehepaar Lenz nahm Celan auf, nachdem ihn ein Hotel wegen unpassender Kleidung abgewiesen hatte. Wie ein jetzt bei Suhrkamp erschienener Briefwechsel bezeugt, entwickelte sich eine für Celan ungewöhnlich herzliche Freundschaft, über die Jürgen Busche nach einer Lesung aus den Briefen im Literaturhaus spricht (20.6., 20 Uhr).

Am selben Abend ist ein lebender Lyriker ganz anderer Art zu erleben – Robert Hass, ein kalifornischer Poet mit sanfter Stimme, der Walt Whitman, Czeslaw Milosz und Matsuo Basho, einen japanischen Mönch des 17. Jahrhunderts, seine Meister nennt. Der Poet Laureate der USA von 1995 bis 1997 spricht im Haus der Festspiele (20.6., 19 Uhr 30) über „Natur-Körper-Poesie. Unterwegs zu einem kalifornischen Gedicht".

Gibt es ein kalifornisches Gedicht, so wie es kalifornische Weintrauben gibt? Das wäre eine Frage an die Nachwuchslyriker Birgit Müller-Wieland und Björn Kuhligk. Die eine dichtet liedhaft und verletzlich, der andere raubeinig direkt, und beide treten im Buchhändlerkeller auf (20.6., 21 Uhr). Mit den Gedichten von Cesare Pavese verbindet sie glücklicherweise nichts. Paveses „Über die Piazza di Spagna werde ich gehen“ wird auf der Tagung „Die Piazza in der italienischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ vorgetragen (21.6.- 22.6., Atrium der Deutschen Bank, Charlottenstraße).

Zum Abschluss am Samstag lesen neben Rosetta Loy und Giuseppe Conte überraschenderweise auch Michael Roes und Josef Winkler. Über die Piazza schlendern offenbar viele, und der Beitrag von Nichtitalienern zur italienischen Literatur wird nicht gering geschätzt¦. Und immer lockt das platte Land den Kolumnisten.

Das freilich lockt die Stadt, und so ist am 23.5. in Schloss Wiepersdorf Berlin zu Gast: mit Inka Parei und ihrer Schattenboxerin, Andre Kubiczek und seinem jungen Talent Less sowie Norman Ohler und Detektiv Klinger im Abbruchhaus. Tags darauf ist Ohler dann zurück in Mitte (Literarischer Salon Britta Gansebohm, 24.6., 20 Uhr 30), liest aber aus einem Roman, der in Südafrika spielt. So verdreht können die Beziehungen zwischen Literatur und Leben zuweilen sein. Das Folgende aber könnte Sie beruhigen: Vor der Lesung ist nach dem Spiel – Kein Termin kollidiert mit einer Fußballübertragung.

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