Kultur : Schreibwaren

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Jörg Plath über

eine ehemalige Polizistin in Gummistiefeln

Wappnen Sie sich, es kommen harte Tage. Vorbei die Zeiten, als die bessere Gesellschaft ebenso wie die nicht so gute im Sommer die Stadt verließ und aufs Land fuhr. Wer blieb, sah den Kutschen hinterher und musste, so erzählt es Georg Hermann in „Kubinke“, dem Blick des mitreisenden Dackels voll „abgrundtiefer“ Verachtung standhalten. An das Ruhen des gesellschaftlichen Lebens erinnern heute nur noch die Theaterferien. Seit die Stadt im Sommer nicht mehr von Scharen verlassen, sondern von ebensolchen aufgesucht wird, ist sie nämlich Spielort geworden. Die Literatur steuert wie im vergangenen Jahr zwei Großveranstaltungen bei. Wer hören will, muss sitzen. Es kommen harte Tage.

„Manchmal gelingt es ohne Anstrengung“, schreibt Jürgen Becker in dem Erzählband „Die Türe zum Meer“, „die verlorene Umgebung wiederzuentdecken, und ich lebe weiter ohne jede Angst.“ Becker hat immer wieder, in seinen konstruktivistischen Anfängen mit „Felder“, „Ränder“ und „Umgebungen“ (Suhrkamp), in den Langgedichten und den späten Prosaarbeiten, versucht, das Außen mit dem Innen, die Topographie mit einem beweglichen Bewusstsein zu synchronisieren. Erzählend kam er so unter anderem nach Ostende, und am 26.6. kommt er in das Literarische Colloquium (20 Uhr).

Von Identitätsproblemen erzählt auch Antje Ravic Strubel in ihrem zweiten Roman „Offene Blende“ (dtv): eine westdeutsche Fotografin verliebt sich in New York in eine Ostdeutsche, die seit acht Jahren unter falschem n in Amerika lebt und sich nicht fotografieren lassen möchte. Strubel liest am 26.6. in der Akademie der Künste (20 Uhr) gemeinsam mit Annegret Held, die ein Jahr vor ihr den Kunstpreis Berlin erhalten hat. Die ehemalige Polizistin liest aus einer neuen Novelle. Mal sehen, ob sie darin auf ebenso einnehmend mitfühlend-ironische Weise wie in dem Roman „Die Baumfresserin“ (Rowohlt) mit Gummistiefeln durchs Prosafeld stapft.

Vor einem Jahr erschien der Briefwechsel zwischen Paul Celan und Gisele Celan-Lestrange aus den Jahren 1951 bis 1970. Eine schwierige Liebe, Celans Klinikaufenthalte, seine Affäre mit Ingeborg Bachmann, die wiederholten Trennungen – all das tritt in den 650 Briefen der Eheleute ebenso deutlich hervor wie die Entwicklung der Malerin Gisele Celan-Lestrange. Für Jürgen Busche, der nach einer Lesung über den bei Suhrkamp erschienenen Band spricht, enthalten sie den Stoff für mehrere Romane (Literaturhaus, 27.6., 20 Uhr)

Und nun: Bühne frei für das „Sommerfest der Literaturen". Es beginnt mit dem Bücherfest, Schwerpunkt Frankreich. 40 Autoren lesen für Groß und Klein, mehr als 140 Buchhandlungen, Verlage und literarische Institutionen stellen sich am Bebelplatz vor. Dort verbrannten die Nazis 1933 Bücher, woran heute ein faszinierendes Denkmal erinnert. Über eine Tiefgarage rund um das Denkmal empört man sich offenbar gern – über Jubel und Trubel am selben Ort nicht. Ob es an der Tiefe liegt, die begraben bleiben soll und in die man besser nicht vordringt, schon gar nicht in einem Automobil? Wundern Sie sich. Wappnen Sie sich. Und gehen Sie hin, irgendwann zwischen 12 (29.6.) resp. 11 (30.6.) und 22 Uhr.

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