Kultur : Schreibwaren

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Jörg Plath über Madame Man Ray, Klausen und zwanzig Peitschenhiebe

Chill out, swing low, carry me home. Das Berliner Sommerfest der Literaturen ist überstanden. Nicht wenige enteilen in die Sommerferien. Fahr’ well, du Stadtflüchtling. Wenn du wiederkommst, werden wir etwas zu erzählen haben. Hier geht es nämlich weiter.

Heute Abend kommt die in ihrer Heimat Kanada hoch gelobte Lyrikerin Anne Carson in das Literarische Colloquium (9.7., 20 Uhr, in englischer Sprache!). Carson ist ein poeta doctus. In ihren Verserzählungen treten Figuren aus der griechischen und römischen Antike wie solche aus der Gegenwart auf. Herakles stammt also aus dem Hades und fährt einen Straßenkreuzer. Er lädt Geryon, einen pubertierenden Jungen, der überall rot ist, ein, seinen ersten Vulkan anzusehen. „Wie die Erdkruste, die / im Verhältnis zehnmal so dünn ist wie Eierschalen, ist auch die Haut der Seele / ein Wunder des Druckausgleichs.“ Anne Carsons Roman in Versen erzählt von Geryons erstem Liebesabenteuer („Rot“, Piper).

Am selben Abend stellen Brigitte Burmeister und die Essayistin Sabine Kebir zwei „Writers in Exile“ vor (Literaturforum, 9.7., 20 Uhr): Salem Zenia und Abbas Maroufi. Zenia kämpfte in Algerien gegen die propagierte nationale arabische Kultur und Identität und für die Minderheit der Berber. Maroufi flüchtete 1996 aus dem Iran ins deutsche Exil. Die von ihm herausgegebene politische Kulturzeitschrift „Gardun“ (Himmelsrad) war verboten und er wegen regimekritischer Äußerungen zu zwanzig Peitschenhieben und sechs Monaten Haft verurteilt worden. Es war nicht die erste Verurteilung, die Zensur hatte ihn drangsaliert, weil er in seinen Romanen „Symphonie der Toten“ (Suhrkamp) und „Die dunkle Seite“ (Insel) unverschleierte Frauen vorkommen läßt.

„Madame Man Ray“ (edition ebersbach) heißt das neue Buch der zwischen Literatur und Frauenforschung pendelnden Unda Hörner. Eigentlich müsste es „Madames Man Ray“ heißen. Denn es ist eine stattliche Reihe von Frauen, die nach Paris reisen und an die Tür des berühmten Fotografen klopfen, um bei ihm zu lernen: Berenice Abbott, Marianne Breslauer, Ilse Bill, Lee Miller, Giselle Freund und andere. Viele arbeiten Ray für einen Hungerlohn zu, nicht wenige werden seine Geliebten. Unda Hörner verfolgt die Biographien der Fotografinnen im Paris der Surrealisten (Literarischer Salon Britta Gansebohm im Podewil, 9.7., 20.30 Uhr).

Am Freitag erklingt das Alpenhorn am Wannsee. Die Schweiz schickt Künstler jeglicher Couleur: die Combo Koch-Schütz-Studer, Helen Meier, Peter Stamm, Peter Weber, Matthias Zschocke sowie Christian Uetz: „Hoh Licht. Hohl Icht. / Was säufzt, lodmet, hechhelt in mir? / Du Nicht. (Doom Icht.) Du Nicht. / Was er wahrnnchtst hiem hier; (wahnnt wahrt wachst hiem hier?) / wirr sinds, wihrr wihrr!“ (Droschl Verlag) Wihrr, die Schweizer. Aufsicht über die sicher muntere Schar führt der kluge Tausendsassa Peter von Matt (Literarisches Colloquium,12.7., 19 Uhr).

Noch ein weiteres Mal kehrt der Süden im Norden ein: mit Andreas Maier und „Klausen“ (Suhrkamp). Die Südtiroler Stadt präsentiert Maier als Gewebe aus Klatsch und Tratsch, Vermutungen und Spekulationen, Lügen und Halbwahrheiten. Klausen ist überall. Am 14.7., moderiert von Tagesspiegel-Redakteur Helmut Böttiger, im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf (15 Uhr).

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