Kultur : Schreibwaren

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Jörg Plath über

Ladenhüter und Spaziergänger

In Bohsdorf bei Spremberg, da steht ein Laden. Jener Krämerladen, in dem Erwin Strittmatter seine Kindheit verbrachte und dem er in der Trilogie „Der Laden“ ein Denkmal setzte. In dem eingeschossigen, langgestreckten Kätnerhaus verkauft ein rühriger Verein von Strittmatter-Liebhabern im historisch nachempfundenen Ambiente Repliken von historischen Waren. In der DDR war Strittmatter ein Volksheld wie nur wenige. In der BRD wurde der „Fontane des 20. Jahrhunderts“ nie recht bekannt. Der S. Fischer Verlag hatte den ersten Band des „Wundertäter“ (1957) gedruckt und wollte das Buch im August 1961 ausliefern, als die, die keine Absicht hatten, eine Mauer zu errichten, eben das taten. S. Fischer sah in dem Roman nun das Schandwerk des „sowjetzonalen Sekretärs des Schriftstellerverbandes“ und ließ es einstampfen. Als der Schelmenroman dann 1965 bei Reinhard Mohn erschien, war es zu spät. Die literarische Öffentlichkeit war längst politisiert, und die neue Heimat der DDR fand in der BRD kein Gegenstück. Strittmatter feierte seine Erfolge ausschließlich im Osten. Es ist daher nicht erstaunlich, wenn nun das Literaturforum und nicht etwa das Literaturhaus bis zum 26.7. jeden Abend an den Autor erinnert, der am 14. August 90 geworden wäre. Heute abend sprechen der Strittmatter-Biograf Günter Drommer und die Brecht-Schauspielerin Käthe Reichel über Strittmatters „Gesellenjahre bei Brecht“. Am Mittwoch gibt es den Film „Tinko“ (DEFA-Kinderfilm 1957) zu sehen, bevor der Regisseur Herbert Ballmann erzählt, warum er den ganzen „aufgesetzten Pionierquatsch“ aus Strittmatters Roman herausnahm. Am Donnerstag liest Klaus Manchen aus „Der Laden“, am Freitag Eva Strittmatter aus eigenen Werken (jeweils 20 Uhr, Information: Tel. 28 22 003).

Flanieren kann man nur allein, spazieren sollte man in diesen Tagen zumindest einmal mit Hermann-Josef Fohsel. „Berlin, du bunter Stein, du Biest“ (Koehler & Amelang) heißen seine Porträts von Künstlern und Intellektuellen jeder Coleur im Berlin des 19. Jahrhunderts. Fohsel hat jahrelang an dem umfangreichen Werk gearbeitet und darüber eine Doktorarbeit aufgegeben. Von der Fron am Schreibtisch erholt er sich nun von Montag bis Freitag auf Spaziergängen durch verschiedene Teile der Stadt, bei denen er von nicht mehr existierenden Häusern, ihren verflossenen Mietern, Händeln und Lieben erzählt (jeweils 11 Uhr bis 31.7., Treffpunkte erfragen unter Tel. 8 51 11 49).

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