Kultur : Schreibwaren

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Jörg Plath über

Spätadoleszenz und Sommerhitze

Normalität ist doch eine wunderbare Sache, kann einer sagen was er will. Nach einigen Wochen Urlaub weiß jeder Arbeitssklave, warum kein Held Shakespeares je ein „Lasst gecremte Leiber um mich sein“ über die Lippen bringt. Nun hat der Alltag einen wieder, und seht, welche Blumen hat er ausgelegt: Eine Woche voller Lesungen wie lange nicht mehr. Es lässt sich gut an. Mit Less zum Beispiel. Der junge Mann treibt „modische Randale“, indem er einen Anzug seines Großvaters trägt, die Haare über Wochen hinweg millimeterweise kürzt und die Reste schließlich mit Rasiercreme zur Klobürste formt. Leider hindern ihn dann „stilistische Widersprüche“ daran, den Mädchen näherzukommen, die eine Tigerhose oder ein Janis Joplin-Stirnband tragen. Weltanschauung follows Stil, jedenfalls in Andrè Kubiczeks Romandebüt „Junge Talente“ (Rowohlt Berlin), und das ist auch in der DDR eine rebellische Geste. Ein etwas älteres Talent auf der anderen Seite der Mauer möchte gern als Bierzapfer sein Leben beschließen. Sven Regeners spätadoleszenter Held mit dem unsäglichen n „Herr Lehmann“ (Eichborn) hat sich im subkulturellen Kreuzberg wie im Mutterschoß eingerichtet. Dort trotzt er mit erheblichem Witz jeglichen Herausforderungen, einmal auch der Liebe. Kubiczek und Regener treten am 27.8. im Literarischen Colloquium auf (20 Uhr).

Im Literaturforum geht derweil die Thomas Mann-Woche weiter. Am 27.8. wird die DEFA-Verfilmung von „Lotte in Weimar“ gezeigt (mit Lilli Palmer, Katharina Thalbach, Martin Hellberg u.a.) und der Regisseur Egon Günther befragt. Am 28.8. liest Friedrich-Wilhelm Junge, akkompagniert von einem Grammphonschrank und Hans Castorps „Vorzugsplatten“, das wohl berühmteste Kapitel aus dem „Zauberberg". Am 29.8. folgt, wiederum mit dem Fontane-Ensemble, die Lesung der „Tristan"-Novelle, am 30.8. dann deren Fernsehverfilmung von 1976 und ein Gespräch mit dem Regisseur Herbert Ballmann (jeweils 20 Uhr).

In dem Land der Thomas Mannschen Sanatorien residiert der Diogenes Verlag. Europas größter ausschließlich belletristischer Verlag begann als Feierabendunternehmung: Der Buchhändler Deniel Keel verlegte 1952 „99 boshafte Zeichnungen von Ronald Searle“, und weil sie recht boshaft ausgefallen waren, ließ er sie von Friedrich Dürrenmatt „verteidigen". Dürrenmatt wurde dann einer seiner Autoren, Balzac, Tschechow und Faulkner kamen hinzu. Am 31.8. feiert er seinen 50-jähriges Jubiläum (auch) in Berlin und rückt auf dem Sommerfest des Literarischen Colloquiums unter anderem Doris Dörrie, Jessica Durlacher, Hartmut Lange, Hugo Loetscher, Leon de Winter ins beste Sonnenlicht (ab 14 bis 22 Uhr mit Kinderprogramm und Musik).

„Das bist du, Erwin Strittmatter“, schreibt eben jener 1981 in den „Selbstermunterungen“, „einachtundsiebzig vergehender Leib zwischen Sohlen und kahler Kopfhaut: wandelnder Sack voll Kartoffelsand aus dem Lande der Lausitzer Sorben¦ nur an die eine Hoffnung geschmiedet: Die da nach deinen Nachkommen kommen, möchten befinden, du wärst nicht ganz umsonst aus den magren Kartoffeln gekrochen.“ Strittmatter wäre vor kurzem wohl recht zufrieden 90 geworden: die Jungen lesen ihn. Am 2.9. stellt Eva Strittmatter gemeinsam mit Günther Drommer in der Buchhandlung Starick (Brunnenstr. 197/198, 20 Uhr) „Eine Biographie in Bildern“ (Aufbau) und einen Nachlassband vor.

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