Kultur : Schreibwaren

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Jörg Plath über

das Lauschen bei Wasserrauschen

Das Eventmarketing ist ja eine zwiespältige Angelegenheit. Die Locations dienen als Lockvögel, der ihnen eigene Zauber wird zur Aufwertung der beworbenen Ware benutzt, die also nicht viel wert sein kann. Aber zwiespältig heißt auch, dass das trotzdem eine wunderbare und schöne Sache ist. Mit ihr kehrt in den Tanz um das Goldene Kalb eine oft vergessene Form zurück: der Raum als Ausdruckswert, als rhetorische Qualität. Manchmal ist sie so stark, dass darüber der Anlass vergessen wird.

Mal sehen, ob Wolfgang Engler im Stadtbad Oderberger Straße (heute, 20 Uhr) bei der Präsentation seines neuen Buches Oberwasser behält - es ist still gelegt und wird von einer Bürgerinitiative im nächsten Jahr wiedereröffnet. Also so etwas wie ein Realsymbol für die These des Soziologen, wonach „Die Ostdeutschen als Avantgarde" (Aufbau) voranschreiten könnten. Für Engler, der 1999 die faszinierende Mentalitätsgeschichte „Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land" vorlegte, ist die Politik in den neuen Bundesländern gescheitert. Erreicht habe sie Abwanderung, Überalterung und ökonomische Verödung. Mit dialektischer Chuzpe sieht Engler darin die Chance des Ostens, allen voran endlich die Schimäre Arbeitsgesellschaft zu verabschieden. So was ähnliches schwebte schon mal André Gorz und Oskar Negt vor.

Die Erzählerin in Jennifer Egans Roman „Look at me" (Schöffling) verabschiedet sich eher unfreiwillig aus der Arbeitsgesellschaft. Das Model musste sich nach einem Autounfall kosmetischen Operationen unterziehen. Mit 80 Titanschrauben im Kopf ist sie nicht entstellt, aber sie wird von ihren Kolleginnen nicht mehr erkannt. Jennifer Egan lässt sie in einem unaufwendigen, knappen Ton nach einem neuen Leben suchen und das alte mustern (Marga Schoeller Bücherstube, Knesebeckstr. 33, Lesung in englischer und deutscher Sprache, 3.9., 20 Uhr).

Der Eventcharakter kann auch durch Häufung erzeugt werden. Drei Künstler auf einen Streich, drei Stipendiaten des Berliner Senats stellen sich am 5.9. im Literaturforum vor (20 Uhr) - dem bekannten Michael Wildenhain sind die Newcomer Annette Selg und Ambros Waibel zugesellt.

Gleich fünf Literaten sind es am 6.9. beim „Saisonauftakt" im Literarischen Colloquium, einer wegen des Stopfgans-Effektes berüchtigten Veranstaltungsform: ungemein viel in gar nicht kurzer Zeit - nämlich Ulrich Woelk („Die letzte Vorstellung", Hoffmann & Campe), Christoph D. Brumme („Süchtig nach Lügen", Kiepenheuer & Witsch) sowie die Debütanten Nina Jäckle („Es gibt solche", Berlin), Andreas Gläser („Der BFC war schuld am Mauerbau", Aufbau) und Gregor Sander („Ich aber bin hier geboren", Rowohlt). Wie gut, dass die Moderatoren Frank Heibert und Hinrich Schmidt- Henkel unterhaltende, verdauungsfördernde Qualitäten besitzen.

Ein aber steht für sich: Von Uwe Johnson sind neue Briefe aufgetaucht, die er im Wintersemester 1954 an den Freund Jochen Ziem schickte: „Leaving Leipsic next week" (Transit). Beide sind Anfang 20, sie schreiben und gehen bald, der eine vier Jahre nach dem anderen, in den Westen. Die Briefe enthalten, so der Herausgeber Erdmut Wizisla, eine „Mischung aus Albernheit und Anspruch auf Welterkenntnis". Und in ihnen ertönt Johnsons eigentümlich spröde-musikalischer Ton: „Es geht mir ein bisschen krankheitshalber; als die Pfeife nicht mehr schmeckte fiel es mir auf und ich begab mich ins Bett. Das legten andere Leute aber aus als Gehorsam, sie hatten es gleich gesagt. Nun aber mussten sie, die Leute, beruflich verreisen, ich erhob mich also und schreibe Ihnen das auf. Und auch: die Leute sind überhaupt eine Einzelne." (Literarischer Salon Britta Gansebohm, Podewil, 9.9. 20.30 Uhr)

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