Kultur : Schreibwaren

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Bodo Mrozek über Jungschriftsteller abseits des Festivalgetümmels

Ein zorniger junger Mann trat einmal vor ein Haus im Bezirk Prenzlauer Berg, in dem eine Schriftstellerin wohnt, die mit einem Erzählband einen großen Erfolg gelandet hatte. Es war spät, der junge Mann war wütend. Wie konnte sie es wagen, so erfolgreich zu sein, und noch vor ihm selbst zu debütieren? Einen Moment lang überlegte der noch ungedruckte Autor, ob er mit lautem Wutgebrüll die Nachtruhe der schmerzvoll beneideten Autorin stören solle, ließ es dann aber sein. Diese Szene stammt aus einer Erzählung. Sie heißt „Seltsamer Schwebezustand“ und findet sich in einem Erzählband mit dem Titel „Triumphgemüse". Man darf in der literarischen Figur des jungen Wilden getrost ein Alter ego des ebenfalls jungen Autors sehen, der so missgünstig zu der literarischen Figur der Erfolgsautorin („Datsche, demnächst") heraufblickte. Unschwer ließ sich darin Judith Herrmann entschlüsseln, deren Debüt „Sommerhaus, später“ hieß.

Heute braucht Jochen Schmidt nicht mehr neidisch zu sein, denn nach seinem Debüt legt er nun schon einen Roman vor und hat die Konkurrentin damit quasi eingeholt. „Müller haut uns raus“ heißt das Buch (bei C.H. Beck), das sich wie eine Fortsetzung früherer Erzählungen lesen lässt: wieder stammt der Ich-Erzähler aus der DDR und wieder leidet er an einer halbseitigen Gesichtslähmung. Der Open-Mike-Preisträger Schmidt liest am Mittwoch in der Kulturbrauerei (18.9., 20 Uhr), Literaturredakteur Volker Weidermann von der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ moderiert.

Unerfüllte Sehnsüchte beschäftigen Michael Althen in seinem neuen Buch, das er am Donnerstag vorstellt. Nach Biographien über Rock Hudson, Robert Mitchum und Dean Martin hat der FAZ-Filmkritiker nun eine Liebesgeschichte geschrieben. Es geht um geschürte Leidenschaften, unerfüllte Träume, und um die „Wunschmaschine“, die eigentlich „eine Folterbank“ ist. Unnötig zu erwähnen, dass mit dieser Liebe das Kino selbst gemeint ist (19.9., Filmmuseum im Sony-Center, 19.30 Uhr).

Keine Folter, aber die nicht zu unterschätzende Qual der Wahl hat der Freund der internationalen Literatur, über den sich dieser Tage ein Füllhorn der Veranstaltungen ergießt. Aus dem reichhaltigen Überangebot des Internationalen Literaturfestivals auszuwählen ( www.internationales-literaturfestival-berlin.de ), ist auch für diese kleine Kolumne eine schier unlösbare Aufgabe. Wir taten dies an anderer Stelle (vgl. Tagesspiegel vom 13.9. und den heutigen Bericht auf Seite 22) und weisen hier nur noch einmal mit Nachdruck auf die Lesungen der DAAD-Stipendiaten hin, zum Beispiel die von Pedro Mendes. Der 1968 geborene, preisgekrönte portugiesische Journalist wird eine literarische Reisereportage aus Afrika vorstellen, das Ziel dieser Reise, die „Tigerbucht“, wird auch der Titel seines demnächst auf deutsch erscheinenden Buches sein (21.9. um 16.15 Uhr im Pavillon des Berliner Ensembles).

Nach diesem letzten Festivaltag, der mit einem Abschlussfest ausklingt (ab 22 Uhr im Berliner Ensemble, Eintritt frei), wird es wieder weniger international zugehen in Berlin, aber an regionalen Talenten hat diese Stadt ja immer noch genug zu bieten. Und wer weiß, vielleicht veröffentlicht auch die eingangs erwähnte Erfolgsautorin noch einen Roman, damit Jochen Schmidt wieder einen Grund zum Neid hat. Unter Autoren kann ein bisschen Missgunst sehr produktiv sein - und kommt am Ende den Lesern zugute. Hoffen wir also weiter.

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