Kultur : Schreie in Orange

CHRISTINA TILMANN

Staub weht über den Lustgarten und zwischendrin ein paar Fetzen Rummelmusik und Bratwurstduft vom Schloßplatz gegenüber.Zwei heilige Kühe im Herzen Berlins, um die sich Denkmalschutz und Nostalgiker in den letzten Jahren heiße Schlachten geliefert haben.Hier, wo das schützenswerte NS-Granit-Pflaster des Lustgartens lange jede vernünftige Platzplanung verhinderte, klaffen nun Erdgruben, sind Linden gefällt.Dort, wo das verschwundene Hohenzollernschloß gerade wieder neuen Diskussionsstoff geliefert hat, saust die Achterbahn.Berlins Mitte liegt brach.Während am Potsdamer Platz, der einstigen Wüste, die Geschosse in den Himmel wachsen, versanden in Mitte die Pläne im Märkischen Sand.

Gut daher, daß in der allgemeinen Tristesse zumindest die Museen farbige Ausrufezeichen setzen.Zu farbig vielleicht auf den ersten Blick: Das Alte Museum, das ich quer über den Lustgarten hinweg ansteuere, verstört im Obergeschoß mit schreiendem Orange und Zitronengelb im Eingangsbereich.Bis dann in den eigentlichen Ausstellungsräumen doch die biedermeierlich-bläßlichen Farben Hellgrün und -blau die ausquartierten Werke der Alten Nationalgalerie sanft umschmeicheln.Mut zur Farbe hätte auch der Antikensammlung im Untergeschoß gutgetan, wo Einheitsgrau im Verein mit einer denkbar unübersichtlichen Ausstellungsarchitektur aus mannshohen Stelen den Zugang zu den antiken Schätzen erschweren.Zwei Provisorien, zwei Möglichkeiten: in Berlin kann derzeit noch experimentiert werden mit den Möglichkeiten der Kunstpräsentation.

Hinterm Alten Museum war schon immer eine tote Ecke.Wenige Touristen verirren sich hierher, abweichend vom direkten Weg zum Pergamonmuseum.Derzeit sind es allerdings noch weniger, warum auch, gibt es hier doch nichts zu sehen außer eingerüsteten Bauten.Die Alte Nationalgalerie ist schnell hinterm verhüllenden Tuch verschwunden: Noch im Februar strömten hier die Massen zu Max Liebermanns Abschiedsausstellung.Das Neue Museum dagegen schläft noch immer seinen Dornröschenschlaf.Zwei Wettbewerbe hat es überstanden, ohne daß auch nur jemals ein Bauarbeiter hinter einem der Ruinenfenster gesichtet wurde.Es steht und bröckelt, wie für die Ewigkeit zerstört.Die Zukunft zeigt sich in Modellen: Im Zeughaus ist der Entwurf des Chinesen I.M.Pei für den Anbau des Museums jenseits des Festungsgrabens zu bewundern.Seinerzeit von Bundeskanzler Helmut Kohl entgegen allen Verfahrensvorschriften durchgedrückt, steht er nun hier mit ruhiger Selbstverständlichkeit."Wann endlich wird es soweit sein?" begeistern sich zwei Stuttgarter Architekturstudenten an meiner Seite und erzählen etwas vom gläsernen Mittelpunkt der Stadt.Soviel durchsichtige Offenheit ziert ein Haus der Deutschen Geschichte.Und tröstet darüber hinweg, daß in irgendeinem Nebenraum ein anderes Modell versteckt ist.Eines, das nicht besichtigt werden darf.

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