Kultur : Schreien und flehen

KERSTIN DECKER

Ein schwerer alter Mann steht auf.Auf einmal erfaßt ihn ein furchtbares Beben."Mein Gott/ welch ein Wahnsinn/ sie hat mich verlassen/ ich fühle mich/ wie ein altes Möbelstück." Der Mund von Qual entstellt.Die Goldzähne blinken.Der Mann schreit.Er keucht.Er fleht.Er klagt.Woher nimmt er diese Verzweiflung? Doch als man schon ernsthaft um ihn fürchten will, legt sich eine Ruhe auf sein Gesicht.Der Mann tritt wie ein Torero nach dem Kampf zurück in die Reihe.Er hat soeben einen Flamenco gesungen.

"Flamenco" heißt Carlos Sauras neuer Film, gedreht in einem stillgelegten Bahnhof von Sevilla.Es gibt mehrere Möglichkeiten, den Flamenco zu erklären.So zum Beispiel: Der Flamenco entstand in Andalusien Mitte des 19.Jahrhunderts.Wir unterscheiden die Guajira, Alegrias, Martinetes ...

Der nächste Sänger löst sich von den Umstehenden."Was hast du dir nur dabei gedacht/ dir das Gesicht zu waschen/ obwohl du wußtest/ wie es mir ging?" Nie zuvor ahnte man, mit welch bodenloser Zerrüttung man vom Gesichtwaschen singen kann.Oder vom Kämmen: "Kämmen solltest du ihn, Juana, doch du warfst die Kämme aus dem Fenster!" - Nein, Flamenco, das ist kein Singen, das muß ein Erleiden sein.Jetzt und hier.Und hinterher, nach Zermarterung und Untergang der erlösende Beifall der anderen.Das Ritual von Tod und Auferstehung als Kunstform.Ist alle Kunst am Anfang nur Bändigung des Schreis? Bei Carlos Saura glaubt man es wieder.

In Deutschland war die Liebe seit jeher ein Gänseblümchen auf der Sommerwiese.Nur daß man seit dem Abstieg des Volksliedes in den Schlager fürchten muß, von seinem Duft tot umzufallen.Vielleicht unterscheiden sich die Völker ja nach ihren Ansichten von der Liebe.In Spanien ist der Untergrund aller Kultur, die Tragödie noch spürbar.

Immer neue Sänger und Tänzer treten auf.Junge und Alte, Männer und Frauen, "Laien" und Stars.Die Kulissen sind aus Farbe, Licht und Schatten.Eine Handlung hat "Flamenco" nicht.Sie hätte den Reiz des Tanzes zerstört.Diese Ekstase des Augenblicks, die keinen Anlaß braucht.

Blow Up, Broadway, Kant

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