Kultur : Schrift im Schnee

Der schwedische Fotoklassiker Christer Strömholm bei Kicken

Ulrich Clewing

Wenn alle Dinge Zeichen, Hinweise und versteckte Mitteilungen wären, dann wäre die Welt tatsächlich wunderbar bedeutungsvoll. Der Schwede Christer Strömholm hat Ackerfurchen im Schnee auf eine Weise fotografiert, als seien sie riesige Buchstaben einer archaischen Keilschrift. Er hat einen einfachen Gartenzaun in eine abstrakt-konstruktivistische Komposition verwandelt und in kahlen Bäumen an einem Weiher ein profanes Abbild von Himmel und Hölle erkannt. Graffiti an der Wand, ein Affe im Zoo - selbst das Banalste war nicht banal genug, um seiner Aufmerksamkeit zu entgehen: Symbole und Metaphern überall.

Dabei hat Strömholm auch andere Bilder gemacht: schockierende Fotos von Bombenopfern in Hiroshima, von Scheiterhaufen in Kalkutta, vom Elend transsexueller Prostituierter in Paris, von Tierkadavern, die auf der Straße verwesen. Doch davon ist in der Ausstellung, welche die Galerie Kicken Strömholm derzeit widmet, nicht allzu viel zu sehen. Das Leid, das der Fotograf von Berufs wegen gesucht hat, lässt sich hier allenfalls erahnen, zum Beispiel in der rätselhaften, nichts Gutes verheißenden Aufnahme eines Kindes auf einer Bambusstange oder dem still-sprechenden Selbstporträt von Anfang der siebziger Jahre: Da zeigt Strömholm dem Betrachter seinen kurzgeschorenen Schädel und hält sich die Hände vors Gesicht.

Christer Strömholm wurde 1918 als Sohn eines Offiziers in Stockholm geboren. Nach dem Abitur studierte er 1937 für einige Monate Kunst in Paris und Dresden, zog dann aber bald nach Spanien, um im Bürgerkrieg Kurierdienste für die Republikaner zu übernehmen. 1940 meldete er sich als Freiwilliger zum finnisch-sowjetischen Krieg, danach kämpfte er in Norwegen im Untergrund gegen die deutschen Besatzer. Erst als der Zweite Weltkrieg vorüber war, wandte er sich wieder der Fotografie zu. 1950 begegnete er in Saarbrücken Otto Steinert, der Strömholm ein Jahr darauf in seiner wegweisenden, einer ganzen Stilrichtung den Namen gebenden Schau „Subjektive Fotografie“ berücksichtigte. Ab da ging es bergauf mit Strömholms Karriere: Er fing an, mit Aufträgen in der Tasche in alle Weltgegenden zu reisen, Ende der fünfziger Jahre übernahm er einen Abendkurs an der Stockholmer Universität, aus dem später die in Fotografenkreisen berühmte „Fotoskola“ wurde. 1997 erhielt Strömholm, der vor einem Jahr in Stockholm verstarb, den „Nobelpreis“ der Fotografie, den „Hasselblad Award“.

Die rund vierzig Werke umfassende Ausstellung bei Kicken konzentriert sich auf die Bilder der „subjektiven Fotografie“ (die Preise variieren zwischen 2000 und 12000 Euro pro Vintage-Abzug) – in gewisser Weise die Fortsetzung der Bauhaus-Fotografie mit recht ähnlichen Mitteln. Wie schon die Fotokünstler der zwanziger Jahre, waren die Anhänger der subjektiven Fotografie darauf aus, dass aus einem einfachen Gegenstand das spektakuläre Besondere wurde. Auch die Methoden glichen sich: die Betonung des Spiels von Licht und Schatten, der ungewöhnliche Blickwinkel, die Detailsicht, das Fotogramm und spezielle Verfahren der Bearbeitung wie etwa die Solarisation. Und wer sich so intensiv mit der Verwandlung des Alltäglichen in das Bedeutsame beschäftigte wie Christer Strömholm, der entdeckte unweigerlich auch das Absurde.

So präsentiert Kicken auch eine fünfteilige Serie, die Strömholm in den sechziger Jahren in Ost-Berlin aufgenommen hat. Ort des Geschehens ist der Alexanderplatz (auf einem Bild erkennt man im Hintergrund einen Ausschnitt des Wandbildes am Haus des Lehrers), und eigentlich ist darauf nur ein Bauzaun zu besichtigen, auf dem früher einmal in großen Lettern eine Parole zu lesen war. Irgend jemand muss diesen Bauzaun irgendwann auseinander genommen und neu wieder zusammengesetzt haben, bevor er zum zweiten Mal Verwendung fand, jedenfalls wurden die einzelnen Latten des Zauns offensichtlich gehörig durchgemischt: Von den Buchstaben sind nur noch Fragmente geblieben, seltsam gebogene Linien und Flächen in wilder Kombination, die Travestie eines Alphabets, das einst der Staatsräson diente.

Angereichert und komplettiert wird die Ausstellung durch Arbeiten von anderen Vertretern der subjektiven Fotografie, allen voran von Otto Steinert natürlich, aber auch von Heinz Hajek-Halke, Siegfried Lauterwasser, Ludwig Windstosser, Toni Schneiders, Peter Keetmann und Erwin Blumenfeld – die meisten davon seinerzeit Mitglieder in Steinerts Fotografengruppe „fotoform“. Von Steinert selbst stammt das Bild eines durch Langzeitbelichtung sanft verwischten Baumes, Peter Keetmann fotografierte die gestapelten Kotflügel im VW-Werk in Wolfsburg, als wären sie in Wahrheit ein abstraktes geometrisches Muster. So wurde vor gut einem halben Jahrhundert, nach den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs und der Shoah, die Umwelt neu entdeckt. Und was man darin fand, war die reine Poesie.

Galerie Kicken, Linienstraße 155, bis 12. September. Dienstag bis Freitag 11-18 Uhr, Sonnabend 14-18 Uhr .

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