Kultur : Schriftsteller: Die Eingreiftruppe am Schreibtisch

Helmut Böttiger

Der engagierte Schriftsteller ist in den letzten Jahren ein bisschen aus der Mode gekommen. Zu Zeiten Heinrich Bölls strahlte er im hellsten Glanz: Böll stand für moralische Integrität, und sein Eintreten für sowjetische Dissidenten auf der einen, gegen den militärisch-industriellen Komplex im Kapitalismus auf der anderen Seite machte ihn umso glaubwürdiger: ein Einzelner, ein radikaler Demokrat, unabhängig vom Mainstream der jeweiligen "Öffentlichkeit". Mittlerweile sind "Öffentlichkeit" und "Gegenöffentlichkeit" nicht mehr so recht zu unterscheiden, und davon, was eine "Subkultur" ist, erfährt man vielleicht am schnellsten auf MTV. Dass die Medien sich so rasant weiterentwickelt haben, hat auch Folgen für den eingreifenden Schriftsteller.

Am deutlichsten sieht man das an der Entwicklung des Böllschen Zwillingsbruders Günter Grass. In den siebziger Jahren, den Jahren Willy Brandts und der "Schnecke" Fortschritt, verkörperte Grass im Kulturmilieu unbestritten das "bessere Deutschland". Es hatte nichts mehr mit dem Nationalsozialismus zu tun und grenzte sich ab von der spießigen Adenauer-Restauration der etablierten Bundesrepublik. Doch je länger Grass auf seinen Positionen beharrte, desto prekärer schienen sie zu werden: Er blieb bei seinem Verständnis eines engagierten Autors, der sich auch in die Tagespolitik einmischt, und wirkte deswegen zunehmend wie ein Zitat seiner selbst. Das Meiste war immer noch genauso richtig, was er sagte. Aber es kam irgendwie anders an.

Für die "littérature engagée", im Sinne von Sartre oder Pasolini, war eine fürwahr "existenzielle" Dimension maßgebend; für die Böll / Grass-Generation in Deutschland existierte sie in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Diese Auseinandersetzung vermischte sich allerdings gegen Ende der sechziger Jahre mit dem, was schon Goethe "Zeitgeist" nannte, eine Entwicklungslinie, die weitreichende Konsequenzen hatte. Das Rollenmodell für den sich heute zu gesellschaftlichen Dingen äußernden Schriftsteller ist nicht mehr Böll oder Grass, sondern Enzensberger. Er stand von Anfang an für eine Art situationistische Autorenhaltung: mit provozierenden Einlassungen schnell bei der Hand, eindeutig und polemisch, aber schon bei der nächsten Wendung der Zeitgeschichte nicht mehr so richtig zu fassen.

Diese Ästhetik des Chamäleons, die Enzensberger auf hohem Niveau entwickelt hat, entspricht in virtuoser Weise der Art, wie sich die Medien veränderten. Enzensbergers Ton des "angry young man" in den fünfziger Jahren, seine Kuba-Begeisterung Anfang der sechziger Jahre hatte täuschend viel Ähnlichkeit mit Politik. Aber es ging ihm vor allem darum, in der Luft liegende Emotionen so pointiert wie möglich auszudrücken. Er schoss deshalb immer ein bisschen über das Ziel hinaus, hatte aber den größtmöglichen Effekt auf seiner Seite.

Das Charakteristische an den von den klassischen "engagierten Schriftstellern" zu unterscheidenden Medienengagierten ist, dass sie ihre Positionen unversehens wechseln können, nach dem Hase- und Igel-Prinzip: Enzensberger war in blendendster Form immer unter den Ersten, die eine neue Wendung der Befindlichkeit vorausahnten und thematisierten: Sein "Tod der Literatur" im Jahr 1968 traf genau den Punkt, seine Nach-68er Schriften "Mausoleum" und "Untergang der Titanic", obwohl sie bei Lichte besehen Dokumente des krassesten Gegenteils waren, genauso. Und dass er in der Zeit Helmut Kohls am liebsten gegen linke Tabus anrannte, entsprach den Gefühlen vieler.

Enzensberger war nie links oder rechts, aber das war er immer sehr gekonnt. Ein bisschen schwerer tat sich da Martin Walser, der Ende der sechziger Jahre stark mit der DKP kokettierte und kennerisch mit dem zur Verfügung stehenden materialistisch-sozialengagierten Vokabular hantierte. Als sich im Laufe der achtziger Jahre die deutsche Dämmerung anbahnte, setzte Walser plötzlich auf die nationale Karte und trug den früher ach so angeprangerten Abgründen der Kleinbürgerseele Rechnung, als er das Wort von der "Auschwitz"-Keule aussprach. Den Fehler, sich so eindeutig festlegen zu lassen, machte Enzensberger nie: Im entscheidenden Moment pochte er dann immer auf den doppelten Boden der Ironie und machte sich aus dem Staub.

Die Endmoränen des politischen Engagements der Schriftsteller, das seine Höhepunkte in den Wahlkämpfen für Willy Brandt und der Gründung eines Schriftstellerverbands innerhalb der Gewerkschaften hatte, zeigten sich seit den achtziger Jahren in einem neuen Berufsbild: dem so genannten Podiumsintellektuellen. Je mehr die moralische Autorität schwand, die die Schriftsteller lange für sich in Anspruch nehmen konnten, desto häufiger wurden sie auf Podien und zu Statements geladen. Die Berufsbezeichnung "Schriftsteller" war dabei wichtig, das literarische Werk brauchte im Zweifelsfall gar nicht existent zu sein.

Die Enzensberger-Mischung aus Politik und Journalismus schlug sich auch in der Erfindung eines "politischen Feuilletons" in den Tageszeitungen nieder. Das in den neunziger Jahren grassierende Schlagwort dafür hieß "Debattenkultur", und die Rollen hatten sich umgekehrt: Es war nicht mehr in erster Linie so, dass sich Schriftsteller zu bestimmten Themen zu Wort meldeten, sondern sie wurden, meistens noch bevor sie daran denken konnten, zu den verschiedensten Themen schon mal prophylaktisch gefragt. Der Mediendiskurs begann, sich zu verselbständigen.

Die Eingreifgruppe vom Schreibtisch wurde natürlich in den Tagen nach dem 11. September wieder bevorzugt herangezogen. Die Feuilletons der Zeitungen überboten sich in originellen Interpretationen des Twin-Tower-Terrors. Das ganze Arsenal der Mediensprache wurde verfeuert, und jeder positionierte sich so maßgeblich wie nur möglich. Dass das Schweigen eine der wirkungsvollsten Haltungen des Dichters sein kann, ist merkwürdig in Vergessenheit geraten. Schriftsteller und Journalisten sind eigentlich kaum mehr zu unterscheiden, zumal literarische Texte immer häufiger nach journalistischen Kriterien bewertet werden: dem Wunsch nach dem "großen deutschen Zeitroman" wurde an allen Ecken und Enden Rechnung getragen.

Es zeigte sich in den letzten Wochen allerdings, dass diejenigen Schriftsteller, die konkrete Erfahrungen thematisierten, immer noch besser abschnitten als die meisten Journalisten. Es gab einige Texte über New York, Erinnerungen und Erlebnisberichte aus Manhattan, die dem Gegenstand eher angemessen waren als diverse Begriffsanstrengungen in den Kulturspalten. Das Elend des Literaturbetriebs zeigt sich nirgends deutlicher als im "Spiegel", der neulich noch das "Fräuleinwunder" ausrief und emsig an einer neuen deutschen Spaßkultur mitbastelte - und jetzt, im selben bescheidwissenden Ton, über das Ende des "Tralala" frohlockt. Hauptsache, man bleibt dran. Der verschmockte Zynismus, der in den neunziger Jahren eine gewisse Konjunktur hatte, ist dabei fast schon vergessen - die Zeit, als überall kleine Schmalspur-Enzensbergers "Kulturpessimismus" und "Alarmismus" witterten.

Pasolinis Klage über den Verlust der "Glühwürmchen", sein Symbol für die Entfremdung in der Konsum- und Mediengesellschaft, war dabei längst ad acta gelegt worden. Jetzt horcht man dem irgendwie wieder nach. Aber man hat noch nicht die Worte dafür gefunden.

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