Schriftsteller Günter Herburger : Wie man Gorillas in Rauch auflöst

Der Futurschreiber: Günter Herburger liebt Humboldt, läuft Marathon und blickt auf Berlin. Ein Porträt.

Verena Auffermann
Günter Herburger.
Günter Herburger.Foto: Catherina Hess / A1 Verlag

Weshalb hat sich dieser Mann, der hörbar aus dem Allgäu stammt und Jahrzehnte ein Münchner war, an einer Westberliner Durchgangsstraße niedergelassen? Weil die Stadt hässlich, aber mutmaßlich interessanter ist als das süddeutsche Paradies? Das ist so richtig wie lächerlich falsch. Neben ein paar privaten Gründen ist der wahre Grund für Günter Herburgers Umzug die Nähe zum verehrten Alexander von Humboldt. Für Herburger ist er der größte Mensch und Mann – neben dem eigenen Großvater: Erforscher der Welt der eine, geschichtenerzählender Fabrikant der andere. Von virulentem Einfluss auf das forschende und fühlende Hirn dieses komplexen Schriftstellers sind beide.

Im Jahr 2001 hat Günter Herburger in einer sehr spezifischen Form der Ehrerbietung dem letzten „Universalgelehrten“ eine Reise-Novelle gewidmet. Eine Humboldt-Hommage, die in Potsdamer Hinterhöfen ihren Ausgang nimmt, von dort zum Montblanc führt und weiter nach Nordafrika, oft zu Fuß, vorwärts, aufwärts und abwärts. Da vielen seiner Bücher Fotos beigefügt sind, kann man Herburger beim Gehen und Sehen beobachten. Sein Auge bewegt sich ohne Rücksicht auf Schönheitsroutinen oder andere ästhetische Ansprüche. Ihn interessiert das Merkwürdige und scheinbar Nebensächliche. Mit einer epigonalen Humboldt-Wallfahrt hat das nichts zu tun.

In kräftigen Strähnen fallen die Haare dieses altersfreien 78-jährigen Schriftstellers und Marathonläufers vom geradegezogenen Scheitel. Seine Vorfahren stellten im allgäuischen Isny Reitpeitschen für Zaren und Bürger her und erfanden das erste „Wohnauto“, das man heute Caravan nennt. Das Reitpeitschen- und Wohnwagenimperium ist längst verkauft. Geblieben ist bei Günter Herburger die Leidenschaft fürs Unterwegssein. Weil das Entdecken seit Humboldt schwierig geworden ist, sucht Herburger das Unscheinbare oder das, was der normale Reisende mit seinem Müllschluckerblick kommentarlos kassiert.

Günter Herburgers umfangreiches Werk besteht aus Romanen, Erzählungen und Gedichten, meist zu Trilogien aufgeschichtet. Das begann Anfang der siebziger Jahre mit der Trilogie „Birne kann alles“, ein damals unverzichtbarer Lebensbegleiter für Kinder. Mit der „Thuja“-Trilogie war 1991 sein Romanwerk vollendet. Es folgten die „Photogeschichten“mit Totaltiteln wie „Glück“, „Tod“ und „Liebe“. Wer im Tempo eines Daumenkinos Herburgers Geflecht aus Assoziationen, starken Geschichten, zeitdiagnostischen Gedichten durchflitzt, kann zwei Stationen nicht übersehen: die Kreuzung als Synonym für das Risiko, den falschen Weg einzuschlagen, und den Friedhof als Synonym für das Ende.

In seinem jüngsten Gedichtband „Ein Loch in der Landschaft“ versammelt er die großen Themen seines Universums. Die Liebe zur Familie, den Tod der alten Mutter („schlimmster Schmerz, der ihm je gelang“), das behinderte Kind, Krankheiten und die Blicke in den Terminkalender der Apokalypse. Im kurzen Gedicht vom „Dornenbarsch“ ist unser ökologisches Unglück gebündelt. Und wie alle wahren Dichter führt er uns in seine Geheimnisse mit der Bitte ein, sie zu entziffern und sie ihm zugleich als seine ureigenen Geheimnisse zu belassen.

Günter Herburger, jahrelang Mitglied der „Gruppe 47“, Verehrer von Broch und Bloch, bewegt sich zwischen Vergänglichkeitsfatalismus und diskreten Hinweisen auf die Sexualität. Durch den neuen Gedichtband oszillieren Berlinsilhouetten. Berlin, eine Stadt, in der Herburger in den sechziger Jahren schon einmal lebte. Wahrscheinlich war das die Zeit, in der er Kommunist werden wollte. „Das aber“, sagt er heute, „gelang mir nicht!“ Der Stadtläufer Herburger bewegt sich von Spandau zur Stalin-Allee, wo sich die „Fäuste“ aus den wulstigen Mauern „emporrecken“. Selten sind die Texte friedliche, die deutsche Vergangenheit ist das Drahtseil, das hinter vielem hängt. Durch Anleihen in der Phantastik unterbricht er seinen Hang, aus seiner eigenen Realität neuralgische Punkte auszuschneiden und mit Worten anzustrahlen. So löst sich in der Innenstadt ein Gorilla vor seinem dichterischen Auge einfach in „Zigarrenrauch“ auf.

Bei Herburger muss alles durch Herburgers Kopf. Es ist anstrengend, sich jeden Gedanken selbst anzueignen, jede behauptete Sensation subjektiv zu begründen. Das macht er seit Jahrzehnten so. Immer galt er als unbequem, wurde zwischendurch von der Literaturmode vergessen, jetzt wiederentdeckt und in kurzen Abständen mit zwei Preisen bedacht. Im Januar 2011 erhielt er den Preis „Von Autoren für Autoren“ und im Juni 2011 wird ihm der Stuttgarter Johann-Friedrich-von-Cotta-Literaturpreis verliehen. Zu Recht, denn der vehemente Mann, der von sich selbst oft im Imperfekt spricht, ist keinesfalls eine Vergangenheitserscheinung. Herburger nennt sich sogar einen „Futurschreiber“, mit dem Ehrgeiz, sich in die unbekannte Zukunft hineinzuschreiben, aber natürlich nur so, wie er selbst die Zukunft gerne hätte. Ein Ausruf charakterisiert seine besten Seiten mit Aplomb: „Donnerwetter, war ich begeistert!“ Diese Begeisterungsfähigkeit führt ihn durch die Welt. Und da ist noch ein Ruf, der wie ein Urknall aus ihm herausbricht: „Herrgottsackra!“ Das ist Heimat und Süddeutschland und alles andere als Berliner Atheisten-Slang.

„Du musst“, heißt es in dem Gedicht „Marathon“, „nachdem du lange geübt hast, gelehrt und schlau werden...“ Das ist er, und deshalb sollten die Leser den vielseitigen Dichter, Läufer und Reisenden, den Fotografen und Denker, bei der Beschreibung des Lebens begleiten.

Günter Herburger. Ein Loch in der Landschaft. Gedichte. A1 Verlag, München 2011. 94 Seiten, 18,80 €.

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