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Schriftsteller in China : "Die meisten machen eifrig mit"

18.10.2012 14:32 Uhrvon , Martin Winter
Häftlinge in Fuping in der Provinz Shaanxi, wo sich auch das Gefängnis von Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger von 2010, befindet.Bild vergrößern
Häftlinge in Fuping in der Provinz Shaanxi, wo sich auch das Gefängnis von Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger von 2010, befindet. - Foto: picture alliance / CHINAFOTOPRES

Der Exil-Chinese Bei Ling ist Poet, Verleger und Dissident. Im Tagesspiegel-Interview spricht er über Chinas Schriftsteller, inhaftierte Kollegen und den Nobelpreis für Mo Yan, der im Jahr 2009 wegen Bei Lings Auftritts auf der Frankfurter Buchmesse den Saal verließ.

Herr Bei Ling, der Schriftsteller Liao Yiwu sagte am Sonntag bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in Frankfurt: „Das Imperium muss zerbrechen.“ Hat er recht?

Das ist seine Langzeitvision, der ich absolut zustimme. Aber er sieht das auch in einem historischen Kontext. Wir chinesischen Schriftsteller im Exil müssen hoffen und wünschen. Falls es Reformen in China geben sollte, bin ich bereit, sofort zurückzugehen. Gleichzeitig bin ich auch bereit, nie mehr nach China zu kommen.

Wie fanden Sie seine Rede?

Sehr stark und sehr klar.

Er hat auch an den Westen eine deutliche Botschaft gesandt.

Er sagte, der Westen mache unter dem Deckmantel des freien Handels „gemeinsame Sache mit den Henkern“.

Es war eine gute Entscheidung, ihm den Friedenspreis zu verleihen. Nun haben zwei unterschiedliche chinesische Autoren Preise erhalten. Beide schreiben historische Bücher, beiden beschreiben das Leben der einfachen Leute, aber nur einer schildert drastisch und mit starken Worten die wirkliche Situation in China.

Hat Mo Yan den Nobelpreis für Literatur in Ihren Augen verdient?

Es gibt so viele große Schriftsteller, die den Preis nicht bekommen haben oder werden. Soll ich die jetzt alle aufzählen, damit es peinlich wird für den Preis oder für den Preisträger? Für mich hat der Literaturnobelpreis vor allem die Bedeutung, dass er mich dazu anregt, ein, zwei Werke des jeweiligen Preisträgers zu lesen.

Und zu welchem Buch von Mo Yan wurden Sie angeregt?

Mo Yan empfiehlt seinen Roman „Der Überdruss“. Ich habe ihn vor kurzem angefangen, es ist ein Genuss. Allerdings ein recht einseitiger: Man wird in eine karnevaleske Sprache hineingezogen, die süchtig machen soll. Diese endlosen fließenden Sätze des Grundbesitzers, der als manischer Esel wiedergeboren wird! In diesem Karneval der Sprache bekomme ich Angst vor der Mordlust der Kulturrevolution. Damals dröhnten Lautsprecher Tag und Nacht, überall hingen Poster mit Denunziationen. Mo Yan ist ein östlicher Gabriel García Márquez, aber vielleicht etwas fader. Vielleicht wechsle ich zur „Knoblauchrevolte“, die Peter Englund von der Schwedischen Akademie empfiehlt, weil man in diesem Roman sehr gut Mo Yans Stil mitbekommt.

Warum wird er im Westen mehr als KPMitglied wahrgenommen denn als Autor?

Mo Yan ist kein Politiker, auch kein politischer Schriftsteller. Ich glaube, er will es nicht sein, er wagt es nicht. Er ist Schriftsteller und KP-Mitglied. Er muss der Parteidisziplin folgen. Wenn die Partei und der Staat etwas von ihm wollen, muss er politisch korrekt sein und darf sich nicht drücken. Er sagt selbst, dass er ein Monatsgehalt von einer staatlichen Institution bezieht und als „professioneller Schriftsteller“ abgesichert ist. Die meisten Schriftsteller in China sträuben sich keineswegs gegen so etwas, sie machen eifrig mit.

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