Schriftsteller Jan Brandt und der Literaturbetrieb : Das darf nicht mehr ich sein

"Tod in Turin": Jan Brandt, vor vier Jahren mit "Gegen die Welt" bekannt geworden, macht eine italienische Reise – und kehrt mit einer Literaturbetriebssatire zurück.

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Auf den Spuren Tischbeins, Goethes und der Agnelli-Familie: Johann Wolfgang von Brandt aka Jan Brandt.
Auf den Spuren Tischbeins, Goethes und der Agnelli-Familie: Johann Wolfgang von Brandt aka Jan Brandt.Zeichung: Tom Smith/Verlag

Ob Jan Brandt wieder an der Turiner Buchmesse teilnimmt, die am 14. Mai beginnt? Man kann sich das gut vorstellen, denn zum einen ist Deutschland dieses Jahr in Turin das Gastland der Messe. Zum anderen dreht sich sein neues Buch „Tod in Turin“ vor allem um die drei Tage, die Brandt 2014 dort verbrachte. Der Grund für Brandts Turinbesuch: Sein 2011 veröffentlichter und für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman „Gegen die Welt“ war ins Italienische übersetzt und in Italien veröffentlicht worden, beim Verlag Bompiani unter dem Titel „Contro il mondo“.

Allerdings gibt es „Tod in Turin“ noch nicht auf italienisch – und Jan Brandt steht, so verkündet das sein Verlag in der Programmvorschau, allein schon in Deutschland für Interviews und Lesungen „ausdrücklich nicht zur Verfügung“. Was mit seinen Turiner Erfahrungen zu tun haben könnte. Zum Beispiel mit Journalistenfragen, welcher Ort am besten geeignet sei, um sein Buch zu lesen, und was man bei der Lektüre am besten trinken solle. Oder solchen nach seinem Lieblingsautor, „was mir an ihm gefalle, welches Buch ich von ihm empfehlen würde und ob ich einen Satz daraus zitieren könne“. Oder überhaupt mit seiner „Top Ten der Killerjournalistenfragen“ von „Fühlen Sie sich in Ihrem Alter noch als junger Autor?“ bis hin zu „Was bedeutet Kultur für Sie?“.

„Sonst schütze ich unsere Autoren vor den Journalisten. Bei Jan Brandt ist es umgekehrt“, sagt die Dumont-Presseleiterin

Ärgerlich, sowas. Der Gestus aber, mit dem Brandt auf solche Fragen antwortet und die vorhergehenden Geständnisse von Journalisten, sein Buch noch nicht gelesen zu haben, ist ein ironisch-gelassener. „Tod in Turin“ soll keine wütende Abrechnung mit dem Literaturbetrieb sein, sondern ist eine Mischung aus Reisereportage und Satire. Die ironische Distanz lässt sich in dieser Form besser wahren, zumal das Ganze im Gewand einer Autofiktion vorbeikommt. Also cave: Jan Brandt ist nicht nur Autor und Erzähler, sondern auch fiktive Figur. „Tod in Turin“ solle als „Erzählung“ gelesen werden, empfiehlt Brandts Lektor Martin Kordić im Vorspann, als „eine Fiktion voller Fakten“. In der Verlagsvorschau wird Brandt durch Zitate der Mitarbeiter als höchst schwieriger Schriftsteller beschrieben („Sonst schütze ich unsere Autoren vor den Journalisten. Bei Jan Brandt ist es umgekehrt“, so Presseleiterin Julia Giordano). Der Autor selbst erklärt im Buch einleitend: „Ich bin meinem Alter ego begegnet und muss mir eingestehen: Ich bin nicht ich.“ Und mit zu dieser satirisch-fiktiven Inszenierung gehört, dass Brandt im ersten Teil des Buches, in dem er noch auf Lesereise in Deutschland ist, seinen dickleibigen, ambitionierten, das Ende der Bundesrepublik markierenden Erfolgsroman „Gegen die Welt“ nie beim richtigen Titel nennt, sondern „Gegen den Wind“, „Gegen den Witz“, „Gegen die Würmer“ oder später, in Italien, „Contro il caffè“ .

Man fühlt sich zu Beginn an Bücher von  Thomas Glavinic („Das bin doch ich“) oder Benjamin v. Stuckrad-Barre („Livealbum“) erinnert. Brandt erzählt, wie er mit „Gegen die Welt“ tourt, wie das Buch, nachdem es nicht den Deutschen Buchpreis gewinnt, schneller aus dem kollektiven literarischen Bewusstsein verschwindet, als es jedem Autor lieb sein kann. Und wie er in London einen Monat auf Einladung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes verbringt, meist mit dem ebenfalls in der englischen Metropole weilenden Berliner Schriftsteller David Wagner. Das ist mal durchaus komisch, insbesondere die Unterhaltung der Stadthonoratioren Fuldas mit Brandt, manchmal nicht so.

Als es nach Italien geht, werden der schöne Irrsinn dieses Buches und dessen vielfältigen Bedeutungsebenen erkennbarer, da wird „Tod in Turin“ ein Jan-Brandt-Gesamtkunstwerk, wie man es von „Gegen die Welt“ kennt. Brandt leitet mit Zitaten großer Italienreisender wie Goethe, Thomas Mann oder Rolf Dieter Brinkmann nach Italien über, bringt sein Todesthema zum Klingen, kündigt sich selbst an: „Und jetzt ich“ und reichert seine Turin-Erzählung mit zahlreichen Fußnoten, Zeichnungen (die von seinem Mitbewohner in London stammen, Tom Smith), Schwärzungen und Listen an.

Hier also Fiat und das zweckentfremdete Fiat-Gelände, dort die italienische Literatur und ihre bedauernswerte Situation, hier der Feinkostsupermarkt Eataly, dort die Buchmessenparties- und -unterhaltungen, hier der Geist von Turin, der literarische zumal, von Nietzsche bis Pavese, dort das Turiner Grabtuch: Brandt vermittelt viel Wissenswertes, liefert wie nebenbei eine Reiseerzählung und ein Porträt des zeitgenössischen italienischen Kulturbetriebs. Vergisst jedoch nie sich selbst: seine Lust, zu flanieren, gewissermaßen den David Wagner in sich lebendig werden zu lassen (dessen Roman „Vier Äpfel“ er hochschätzt, genau wie dessen Ton, den er mitunter gut trifft: „Jedes Geschäft sieht so einladend aus, dass ich mich am liebsten hineinsetzen und mein restliches Leben dort verbringen möchte.“). 

Jan Brandt wehrt sich gegen die Zurichtungen und Zumutungen des Literaturbetriebs

Und mit dem Flanieren unmittelbar verbunden: Seine Sehnsucht, zu verschwinden, nicht mehr der Schriftsteller Jan Brandt zu sein, nicht mehr Ich. „Soll es nicht später über mich heißen: ’Er wollte nur nach Turin reisen. Und ward nie wieder gesehen’, so, wie den Legenden nach, Männer, die ihren Frauen sagen, sie würden nur mal eben schnell Zigaretten holen gehen, für immer spurlos verschwinden. Ich wäre nicht der erste. Ich stünde in einer langen Tradition. Ist Nietzsche nicht in gewisser Weise hiergeblieben? Und Pavese? Und Primo Levi?“.

Das kann man anmaßend finden – so wie den an Koeppen oder Visconti erinnernden Buchtitel. Wie die Brandt-ist-Goethe-Zeichnung im Buchumschlag. Und wie die sechs Seiten zählende Liste mit den Schriftstellerselbstmorden, die Jan Brandt von Jean Améry bis Stefan Zweig zusammenstellt (die tatsächlich zweifelhaft ist und übers Ziel hinausschießt). Diese Anmaßung ist aber auch der Ausdruck dessen, als Autor gegen die Zumutungen und Zurichtungen des Literaturbetriebs, des Literaturgeschäfts kaum eine Chance zu haben, sich gegen diese irgendwie zur Wehr setzen zu müssen. Satire allein hilft da nicht.

„Ich bin Schriftsteller!“ steht hinten auf dem Buch drauf. Will heißen: Ich bin kein Schauspieler, kein Buchverkäufer, so wie es bei Lesungen und Messen verlangt wird. Es gibt jedoch eine Ironie des Ganzen, man könnte auch sagen, das ist die Tragik des mit seinen 41 Jahren noch relativ jungen Schriftstellers Jan Brandt. An „Gegen die Welt“ hat Brandt zehn Jahre geschrieben, ohne dass genau diese Welt darauf gewartet hätte. Nun konnte er sich nicht noch einmal soviel Zeit lassen, um wieder ein Buch zu veröffentlichen: zum Beispiel den Auswandererroman, der ihm vorschwebt, von dem in „Tod in Turin“ bisweilen die Rede ist und der eine ähnliche Totalerfassung der darin abgebildeten Welt werden soll wie „Gegen die Welt“. Da drückt der Verlag, da drückt die Agentur, da wartet die Literaturwelt – und vermutlich drückt auch das eigene Ego.

„Tod in Turin“ ist deshalb Teil des in dem Buch behandelten Literaturbetriebsproblems genauso wie seine Lösung, eine sehr lesenswerte obendrauf. Und womöglich ist Jan Brandt wirklich als ein anderer aus Italien wiedergekommen. Wir freuen uns schon auf ein Interview mit ihm!

Jan Brandt: Tod in Turin. Eine italienische Reise ohne Wiederkehr. Mit Zeichnungen von Tom Smith. Dumont, Köln 2015. 304 S., 19, 99 €.

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