Schriftsteller Martin Suter : „Meine Gebete wurden nicht erhört“

Martin Suter über fremdenfeindliche Schweizer, sein neues Buch – und den Tod seines Sohnes.

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Andere Gedanken suchen, das kann ich schon. Martin Suter. -Foto: ddp

Herr Suter, seit Ihren Geschichten aus der „Business Class“ gelten Sie plötzlich als politischer Autor.



Ich wurde immer als Unterhaltungsautor betrachtet. Ich war aber nie apolitisch. Der Unterschied ist, dass man mich jetzt nach meiner Meinung fragt.

In „Business Class“ beschreiben Sie die Managerkaste als eitel und selbstbezogen.

Die Business Class ist ein sehr egoistisches System, in dem das allgemeine Wohlergehen oder die Lage eines Unternehmens für die Manager nur Begleiterscheinungen ihrer Karrierebemühungen sind. Das war eine der Ursachen der Wirtschaftskrise. Ich glaube zwar nicht, dass die Wohlstandsverteilung jemals gerecht sein kann. Aber es würde der Welt gut tun, wenn nicht nur die rücksichtsloseste und unsensibelste Kaste mit der kleinsten sozialen Kompetenz über das meiste Geld verfügen könnte.

Auch Ihr neuer Roman „Der Koch“ ist aktuell: Die Hauptfigur ist mit dem tamilischen Wunderkoch Marawan erstmals kein Schweizer. Sie schreiben über Waffenschieber, Volksabstimmungen, die Wirtschaftskrise und den Bürgerkrieg in Sri Lanka.

Die Aktualität habe ich eingebaut, weil ich in der Geschichte eine Art Zufallsgenerator haben wollte. Normalerweise plane ich meine Geschichten sehr genau. Ich mag es aber, realistische Verhältnisse zu schaffen. Auf dieser Ebene kann man glaubwürdig abheben und plötzlich etwas völlig Unwahrscheinliches erfinden.

Warum war Ihnen dieses Zufallsprinzip so wichtig? Aus Angst vor Wiederholung?

Aus Abenteuerlust. Ich bin, auch wenn das nicht alle Leute so sehen, sehr experimentierfreudig in meinen Romanen. Ich will nicht, dass sie ähnlich verlaufen. Hier wollte ich sehen, wie es sich anfühlt, eine kleine Geschichte mit kleinen Figuren vor dem Hintergrund der großen Geschichte zu erzählen.

Was war zuerst da, die Politik oder die Figur?

Ursprünglich dachte ich an eine Art Zauberer, eine Figur, die Leute beeinflussen kann. Und sie gerät in die Fänge von Mächten, die sie missbrauchen. Dass daraus die Kochkunst werden würde, stellte sich erst später heraus. Dass der Protagonist kein Sternekoch sein kann, war mir schnell klar. Und wenn man in der Schweiz nach Küchengehilfen sucht, landet man sofort bei Tamilen, die arbeiten in fast jeder Küche. Für die dunklen Mächte suchte ich ein zwielichtiges Geschäft. So fand ich Dalmann, diese dubiose Vermittlerfigur für Waffen- und andere Schiebereien.

Bei den Volksabstimmungen im November haben Sie sich für das Exportverbot für Waffen stark gemacht. Stärker diskutiert wurde dann aber das Minarettverbot.

Leider habe ich die Minarettinitiative vernachlässigt. Ich dachte, die Sache sei gelaufen. Alle vernünftigen Schweizer hätten das ernster nehmen müssen. Nicht einmal die Initiatoren hatten gedacht, sie kämen damit durch.

Hat Ihr politisches Engagement auch mit Ihren Rückkehrgedanken zu tun?

Immer wenn ich die Schweiz beschreibe, wird es kritisch.

Denken Sie denn weiterhin an eine vollständige Rückkehr in die Schweiz?

Schon. Aber es hat an Dringlichkeit verloren. Nach dieser Abstimmung ist die Schweiz nicht mehr der sichere Hafen, als den wir sie betrachteten. Ich sehe das Resultat der Abstimmung als gefährliche Provokation unberechenbarer Leute. Der Gedanke macht mir Sorgen, dass unsere adoptierte Tochter aus Guatemala diese latente Fremdenfeindlichkeit in der Schule und im Kindergarten zu spüren bekommen könnte. Die Rückkehrpläne sind aber, wie unser ganzes Leben, vom Tod unseres Söhnchens betroffen. Wir wissen noch nicht, wie es weitergehen soll.

Hätten Sie gedacht, dass die Nachricht vom Tod Ihres kleinen Sohns von manchen Medien so ausgeschlachtet würde?

Ich hatte es befürchtet. Aber ich hätte nie damit gerechnet, dass Ringier sich so verhält. Sie haben das Grab ausgespäht und nach der Beerdigung fotografieren lassen. Aus diesem Foto haben sie das Erinnerungsbild von Toni herausvergrößert und so bearbeitet, dass es wie ein eigenes Bild aussah und es auf die Titelseite des „Blick“ gesetzt. Und an „Bild“ und „Bild Online“ verkauft. Es entsetzt und verletzt uns, dass man so wenig Anstand haben kann. Der Chefredakteur der „Bild“ hat sich für die Verwendung des Fotos, über dessen Entstehung er nicht informiert war, entschuldigt. Ganz im Gegensatz zu Ringier. Dort hat man einen hemdsärmligen hämischen Anwalt beauftragt, der mir unterstellt, ich wolle mit meiner Beschwerde beim Presserat mein Trauma bewältigen. Und der Chefredakteur des „Blick“ hat mir süffisant geantwortet und verbreitet, diese Art Berichterstattung sei „Aufgabe des Boulevards“. Als sei „Boulevard“ eine wissenschaftliche Fakultät mit einer „Aufgabe“. Boulevard ist nur ein vornehmer Name für Gosse.

Gibt es überhaupt Wege zur Bewältigung dieses Unglücks?

Das kann man nicht bewältigen, glaube ich. Ich selbst kann den Gedanken auch nicht verdrängen, aber andere Gedanken suchen, die das für kurze Zeit für mich tun, das schon.

Hat das Unglück die Arbeit am Buch beeinflusst?

Nein, es war bis auf Nachrecherchen fertig geschrieben. Aber wenn ich es heute noch einmal Revue passieren lasse, fallen mir Stellen auf, die den Eindruck vermitteln, ich hätte es erst nach dem Unglück geschrieben.

Beneiden Sie Ihre Hauptfigur, den tamilischen Koch, für seinen festen Glauben?

Ja. Es ist bei den Hindus gar kein Thema, nicht religiös zu sein. Marawan kennt niemanden, der nicht glaubt. Es wäre schön, wenn es für mich auch selbstverständlich wäre. Aber so bin ich nicht aufgewachsen. Die skeptische Distanz bekommt man nicht mehr aus dem System heraus.

Stärkt ein Erlebnis wie der Tod des eigenen Kindes das Bedürfnis nach Glauben?

Das Bedürfnis schon, die Fähigkeit dazu schwächt es aber. Ich habe, wenn überhaupt, vorher stärker geglaubt. Aber meine Schutzgebete wurden nicht erhört. Die Sicherheit, die einem der Glaube geben kann, ist weg und schwer wiederzuerlangen. Mir ist der Boden unter den Füßen weggezogen worden.

Das Gespräch führte René Zipperlen.

ZUR PERSON

Martin Suter, 61, stammt aus der Schweiz und ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren. Von ihm stammen u. a. die Romane „Small World“, „Die dunkle Seite des Mondes“ und „Ein perfekter Freund“, der in Frankreich verfilmt wurde. In seiner Kolumnensammlung „Business Class: Geschichten aus der Welt des Managements“ setzte er sich mit der Welt der Wirtschaft auseinander. Er lebt in Guatemala und auf Ibiza.

Zuletzt ist sein Roman „Der Koch“ erschienen, der Ayurvedische Liebeskochkunst mit Waffenschiebereien, der Finanzkrise und dem Bürgerkrieg in Sri Lanka verbindet (Diogenes, 272 Seiten, 21,90 €).

Vergangenes Jahr erlitt Suter einen schweren Schicksalsschlag, als sein kleiner Sohn bei einem Unfall ums Leben kam. Suter ist in zweiter Ehe verheiratet. Am 8. März stellt er im Berliner Kino Babylon Mitte sein neues Buch vor.

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