Schriftsteller Rudolf Lorenzen : Dandy des Westens

Am 5. Februar wird er 90 Jahre alt: Ein Besuch bei dem Schriftsteller Rudolf Lorenzen, dem Chronisten der Berliner Inseljahre, dessen Texte jetzt in einer Werkausgabe erscheinen

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Damals. Rudolf Lorenzen in den fünfziger Jahren.
Damals. Rudolf Lorenzen in den fünfziger Jahren.Foto: Archiv Lorenzen

Die Wohnung, in der Rudolf Lorenzen seit 1968 lebt, gleicht einer Erinnerungshöhle. Nürnberger Straße, fast Ecke Tauentzien, gutes altes West-Berlin. Großzügige Altbauräume, Stuck, ein klassisches Berliner Zimmer als Salon, in dem ein Sofa und Sessel zur Sitzecke zusammengeschoben sind. Bettina Lorenzen, die dritte Ehefrau des Schriftstellers, hat Kaffee gekocht. Die Wände sind mit Bildern gefüllt, Rahmen an Rahmen hängen Grafiken, Karikaturen und Schnappschüsse. Im Arbeitszimmer das Musikarchiv. CDs, LPs, vor allem Schellack-Platten.

„Knapp unter tausend“, sagt Lorenzen. Trouvaillen vom Pasadena Roof Orchestra, Bix Beiderbecke oder Teddy Stauffer. Jazz fasziniert den Autor seit seiner Jugend, die der Sohn eines Reederei-Prokuristen in Bremen verbrachte. In seinem autobiografischen Roman „Alles Andere als ein Held“ schildert er den Swing mit seinen Synkopen als Gegenwelt zum Marschtritt von Hitler-Jugend und Wehrmacht, als Möglichkeit zum buchstäblichen Aus-der-Reihe-Tanzen für einen Heranwachsenden des Jahrgangs 1922. Dieser Anti-Held heißt Robert Mohwinkel, absolviert eine Ausbildung zum Schiffsmakler, geht lieber zum Tanztee als zum HJ-Appell und weiß, dass es in vermeintlich heroischen Zeiten wichtig ist, sich rechtzeitig wegzuducken. Später hat Lorenzen über „Rhythmen, die die Welt bewegten“ eine Feature-Serie fürs Radio gemacht, aus der vor zwei Jahren ein gleichnamiges 450-Seiten-Buch hervorging, eine akribische Spurensuche auf dem Feld von Polka, Tango, Cakewalk und Boogie Woogie.

Der Satz, der Lorenzen vielleicht am besten charakterisiert, lautet: „Da wusste ich: du musst hier raus.“ Er fällt bei dem dreistündigen Gespräch in seiner Wohnung vier- oder fünfmal. Ein Satz, der Angst signalisiert, aber auch das Vertrauen, sich am eigenen Schopf aus einem Unheil ziehen zu können. Du musst hier raus: Das wurde Lorenzen 1944 klar, als er an der Ostfront das Nahen der Niederlage spürte, aus dem Rückzug seiner Kompanie ausschwenkte, sich in einem Graben versteckte und von der Roten Armee überrollen ließ. Er hätte als Deserteur von den Deutschen oder als Feind von den Russen erschossen werden können. Stattdessen lief er mit erhobenen Armen einer Feldküche entgegen. „Der Koch war sehr froh, dass er auch mal einen Gefangenen machen konnte.“

Als Kriegsgefangener muss er Zwangsarbeit in einem kasachischen Kohlebergwerk leisten. Ein Großteil der Gefangenen überlebt die Arbeit nicht, sie sterben an den Folgen von Mangelernährung und Epidemien. Lorenzen lässt aus Halsschmerzen mutwillig eine Rippenfellentzündung werden, was ihm einem Platz auf der Quarantänestation und dann im Lazarettzug zurück nach Deutschland verschafft. Er wird Grafikstudent, Werbefachmann und Geschäftsführer einer Agentur im oberbayrischen Rosenheim. Doch das kleine persönliche Wirtschaftwunder – darüber schreibt er später die hinreißende Satire „Die Beutelschneider“ – reicht ihm nicht, wieder meldet sich der Satz „Du musst hier raus“.

Er wollte weg aus Oberbayern, am liebsten nach Berlin. Das war 1955 allerdings nicht so einfach. In der zerbombten Stadt waren Wohnungen Mangelware, es herrschte Zuzugsverbot. Ausnahme: Ehepartner. Also schreibt Lorenzen einen Leserbrief an eine Journalistin, die in einem Text darüber geklagt hatte, wie schwierig es für berufstätige Frauen sei, einen Partner zu finden. „Bitte teilen Sie mir die Adressen einiger dieser Damen mit“, bittet Lorenzen. „Das geht nicht. Die Fälle waren ausgedacht, dahinter stehe jeweils ich selber“, antwortet Annemarie Weber, so der Name der Journalistin. Sie beginnen einen Briefwechsel und heiraten in Rosenheim, ohne sich vorher gesehen zu haben.

Lorenzen und Weber steigen zu einer Art Glamourpaar des West-Berliner Nachkriegsjournalismus auf. Sie gründen eine Nachrichtenagentur und beliefern Zeitungen im gesamten deutschsprachigen Raum mit Feuilletons und Reportagen. Er veröffentlicht seine erste Kurzgeschichte im Tagesspiegel, gewinnt einen Schreibwettbewerb der „Süddeutschen Zeitung“ und veröffentlicht 1959 „Alles andere als ein Held“. Sie zieht mit „Westend“ nach, Berliner Kriegserinnerungen, die zum Bestseller werden. Sebastian Haffner rühmt Lorenzens Buch als „vielleicht der beste Roman irgendeines heute lebenden deutsch schreibenden Autors“. Doch ein Verkaufserfolg wird der Roman nicht.

Eine Einladung der Gruppe 47 schlug Lorenzen aus. „Ich war immer Einzelgänger und wollte es auch bleiben“, sagt er. Es gibt keine Kameradschaft, das hat er im Krieg gelernt. Außerdem fühle er sich bis heute nicht als Schriftsteller, „dafür bin ich nicht gebildet genug“. Also schrieb er weiter Kurzgeschichten für Zeitungen, wurde Kulturkorrespondent für die Züricher „Weltwoche“ und setzte als „Der Boulevardier“ mit Glossen aus dem Großstadtgetriebe für den Berliner „Abend“ die Tradition des Flaneur-Journalismus fort. Daneben lieferte er Hörspiele und Drehbücher für Fernseh- und Kinoproduktionen.

Dass die Texte des Dandy-Journalisten nun wiederentdeckt werden können, ist Jörg Sundermeier und seinem kleinen Verbrecher Verlag zu verdanken. Dort erscheint seit 2006 eine inzwischen auf sieben Bände angewachsene Werkreihe. Lorenzen sitzt im Rollstuhl, seitdem ihm vor einem Jahr ein Bein amputiert werden musste. Aber er schreibt weiter, gerade arbeitet er an seinem fünften Roman. Zum 90. Geburtstag am 5. Februar kommt jetzt „Die Hustenmary“ (116 S., 18 €) heraus, eine Sammlung von „Berliner Momenten“ vor allem der sechziger und siebziger Jahre. Da hört der Autor der „Hustenmary“, einer stark berlinernden Prostituierten“ zu, besucht mit Theaterstar Rudolf Platte das Kreuzberger „Milljöh“ des Malers Kurt Mühlenhaupt und erklimmt mit der „Neupreußischen Empfindungsgesellschaft“ den Schöneberg. Absurde News aus einer untergegangenen Welt.

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