Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke : Träumen vom Unsichtbarsein

Die Berliner Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke faszinieren Gegensätze, die sie in kammerspielartigen Nahaufnahmen einfängt. Ein Treffen.

Sabrina Wagner
Die Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke bei der Fotosession im Neuköllner Schillerkiez.
Groß posieren? Lieber nicht. Die Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke bei der Fotosession im Neuköllner Schillerkiez.Foto: Davids/Dominique Ecken

Eine Kreuzung im Neuköllner Schillerkiez. Mitten auf der Straße sitzt eine junge Frau auf einem Stuhl. Ein Fotograf feuert sie zum Posieren an. Während Autos und Passanten unbeeindruckt einen Bogen um sie machen, fühlt sich die Fotografierte sichtbar unwohl. Trotzdem lacht sie und lässt sich auf das kleine Shooting ein. „Ist schon okay. Aber jetzt lasse ich mich besser ein paar Tage hier nicht mehr blicken“, sagt die Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke, die hier im Kiez wohnt. So im Mittelpunkt zu stehen, das ist ihr unangenehm: „Wenn ich mir eine magische Eigenschaft aussuchen könnte, dann wäre das Unsichtbarkeit.“ Schon als Kind hat sich die 1977 in Lübeck geborene Autorin vorgestellt, sie könnte alles und jeden ungestört beobachten. Und dann jedes Detail aufschreiben.

In diesem Frühjahr ist ihr dritter Roman erschienen. „Wie Ihr wollt“ spielt in England, im späten 16. Jahrhundert. Er erzählt die Geschichte von Mary Grey, der weitgehend unbekannten, kleinwüchsigen Großnichte Heinrichs VIII. und Kusine von Königin Elizabeth I. Im Falle eines Ablebens der Königin wäre sie die Nächste auf dem Thron gewesen, wäre sie nicht nach einer heimlichen Heirat in Ungnade gefallen und unter Hausarrest gestellt worden. Dort harrt sie nun aus und wartet ungeduldig auf eine Begnadigung. Geblieben ist lediglich ihre fromme Dienerin Ellen. Eine Hassliebe verbindet die beiden. Eine „Kampfgemeinschaft“ nennt das die Autorin. Was hat sie an der Figur der Mary Grey so gereizt? „Sie ist in den toten Winkel geraten“, sagt Mahlke, „sie hat alles mitbekommen. Ohne selber gesehen zu werden, konnte sie alles sehen, aber nicht selber agieren.“ Da ist sie also wieder: die Faszination für das Unsichtbarsein.

Keine Berlin-Romane mehr

In gewisser Weise unsichtbar, da an den Rand der Gesellschaft geraten, sind auch die Figuren in Mahlkes ersten beiden Romanen. Im Debüt „Silberfischchen“ (Aufbau, 2010) sind es der xenophobe, zwangspensionierte Berliner Polizeibeamte Hermann und die in Not geratene Polin Jana Potulski. Zwischen diesen zutiefst verletzten Menschen entsteht eine zarte Nähe, die für einen kurzen Moment so etwas wie Glück bedeuten darf. Im zweiten Roman, „Rechnung offen“ (Berlin Verlag, 2013), sind es die Bewohner eines Neuköllner Mietshauses: Verlierer der Gentrifizierung, manche verwahrlost, alle verzweifelt. Es ist bezeichnend, dass die Autorin, die mit 18 Jahren nach Neukölln gezogen ist, um hier am Albert-Schweitzer-Gymnasium ihr Abitur zu machen, diese Figuren in den Mittelpunkt stellt. Mit Skepsis betrachtet sie die Veränderungen, die sich in ihrem Kiez abspielen. Dennoch: Einen weiteren Berlin-Roman zu schreiben, habe sie nicht interessiert. „Es wäre sehr langweilig, immer das Gleiche zu machen“, sagt sie. Stattdessen habe sie im dritten Roman besonders die Arbeit an der „vorgegebenen Struktur Historie“ gereizt.

Doch ob die Autorin ihre Geschichten im Berlin der Gegenwart oder im England des 16. Jahrhunderts ansiedelt, die Fragen, die sie antreiben, sind grundsätzlicher Natur: „Es sind immer Pole. Sicherheit und Unsicherheit. Ordnung und Auflösung von Ordnung. Und Chaos. Aber auch Macht und Ohnmacht.“ Diese Gegensätze beleuchtet sie in Nahaufnahmen. Alle drei Romane sind – wenn auch unterschiedlich statisch – als Kammerspiele angelegt: „Was passiert, wenn zwei Menschen aufeinander zurückgeworfen werden?“ Gerade im engen Raum und der Reduzierung auf möglichst wenige Personen entstehe ein Konzentrat, in dem „Sachen klarer hervortreten, Sachen überspitzter geschehen“.

Jurastudium als Sprachenlehre

Detailversessen aus der Außenperspektive schreibt sie sich immer näher an ihre Figuren heran. Als unbarmherzig und schonungslos wird ihr Vorgehen zuweilen in der Kritik beschrieben. Die Autorin kontert: „Ich hab’ alle meine Figuren lieb.“ So hat auch jede ihrer noch so verkorksten Persönlichkeiten mit all ihren Abgründen immer auch eine liebenswerte Seite: „Man muss den Figuren immer die Ambivalenz lassen.“

Es braucht allerdings Geduld, als Leser dorthin vorzudringen. Insbesondere im neuesten Roman muss man sich auf die stark verkürzte, teils kryptische Sprache einlassen. Als eine Annäherung an eine Art „Basalsprache“ beschreibt die Autorin ihr poetologisches Programm – als die Suche nach dem elementaren Teil der Wörter. Alles, was überflüssig erscheint, lässt sie weg.

Inger-Maria Mahlke hat in Berlin Jura studiert. Ob das diesen Sprachzugang geprägt hat? In gewisser Weise, überlegt sie, denn Jura sei der Versuch der Präzision durch Sprache. „BGH-Prosa“ nennt sie ironisch die stark komprimierte Rechtssprache.

Doch da endet dann auch die Begeisterung für das Jurastudium: „Ich habe schon damals immer versucht, so weit es geht aus dem Jurastudium rauszukommen.“ Gar im Anschluss als Juristin zu arbeiten, das kam für sie nie infrage. Dann lieber kellnern! Denn eigentlich wollte sie nie etwas anderes als schreiben: „Das wollte ich schon mit fünf. Da habe ich erfahren, dass das ein Beruf ist. Von da an war klar: Das ist meiner.“ Doch sei ihr lange keineswegs klar gewesen, wie man eigentlich Schriftsteller wird. Also hat sie, wie so viele, lange für die Schublade geschrieben. Dennoch sollte jemand die Texte gegenlesen. Dazu hatte sie mit ihrem damaligen Freund einen Deal, erzählt sie lachend: Er musste die Texte lesen, dafür hat sie den Abwasch übernommen.

Einen Text unter der Tür durchgeschoben - dann geht alles ganz schnell

Schließlich erfuhr sie von einer Ausschreibung zur Schreibwerkstatt mit Herta Müller an der Freien Universität. „Ich wusste damals gar nicht, wer Herta Müller ist“, gibt sie heute zu. Der Bewerbungsschluss war bereits einen Tag vorbei, da fuhr sie nach Dahlem und schob ihren Text unter der Tür durch. Als der Anruf kam, dass man sie angenommen hatte, konnte sie es kaum glauben: „Ich war gerade in Lübeck wegen einer Weisheitszahn-OP. Ich dachte, das sind die Nachwirkungen der Narkose.“ Am nächsten Tag hat sie noch einmal angerufen, und man bestätigte die Zusage. Das war der Anfang. Danach ging alles sehr schnell. In nur zehn Monaten hat sie ihren Debütroman geschrieben. Sie gewann den 17. Open Mike 2009, erhielt den Debütpreis des HarbourFront-Literaturfestivals 2010. Zwei Jahre später folgte bei den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt der Ernst-Willner-Preis für einen Ausschnitt aus dem zweiten Roman.

Und was kommt als Nächstes? Am neuen Buch arbeitet sie schon. Schauplatz sind diesmal die Kanarischen Inseln, von denen ihre Familie stammt – ihre Mutter ist Spanierin. „Es geht um den Begriff des Asyls, den Begriff des sicheren Ortes, um die Suche nach einem neuen Kontext“, verrät die Autorin. Und schlägt damit einmal mehr den Bogen zu den zentralen Fragen ihres bisherigen Schaffens.

Inger-Maria Mahlke: Wie Ihr wollt. Berlin Verlag, 272 S., 19,99 €

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