Kultur : Schriftzeichen aus dem Untergrund

Umbruch im Reich der Mitte: der Schweizer Uli Sigg und seine Sammlung aktueller chinesischer Kunst

Claudia Spinelli

Wer Uli Sigg in seinem privaten Wohnsitz besucht, muss eine kleine Brücke passieren. Sie führt über einen See, in dessen Mitte sich eine Insel mit einem stattlichen Bau befindet: Schloss Mauensee. Mit den diagonal gelbrot gestreiften Fensterläden beschwört die Anlage Bilder von Landsknechten und wackeren Eidgenossen herauf. Einzig die monumentale, aber kopflose Maobüste lässt ahnen, dass hier kein Abkömmling einer lokalen Patrizierfamilie wohnt, sondern eine weit gereiste Persönlichkeit mit einem alles andere als gewöhnlichen Hintergrund.

Der Hausherr, der das Anwesen gemeinsam mit seiner Frau Rita – einer Ärztin – erst seit ein paar Jahren bewohnt, ist ein höflicher, zurückhaltender Mann. Wenn die Kameraverschlüsse der Pressefotografen klicken, posiert er geübt, aber ohne erkennbare Eitelkeit. Der ehemalige Schweizer Sonderbotschafter für China kann sich Gelassenheit leisten: er hat eine einzigartige Sammlung im Rücken.

1200 Arbeiten von rund dreihundert jüngeren chinesischen Künstlern hat der heute 59-Jährige in den letzten fünfzehn Jahren zusammengetragen. Seine Sammlung dokumentiert den aktuellen Umbruch im Reich der Mitte. Einen Umbruch, der nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich und gesellschaftlich so massiv ist, dass man von einer Revolution sprechen könnte. Um die Dimension der Sammlung zu begreifen, muss man sich vor Augen führen, dass die bevölkerungsreichste Nation dieser Erde selbst über keine nennenswerte Kollektion ihrer Gegenwartskunst verfügt. Bis vor ein paar Jahren produzierten die chinesischen Künstler im Geheimen; ihre Werke wurden außer in privaten Künstlerkreisen ausschließlich im Westen rezipiert.

Die fast unsichtbaren Landschaften von Qui Shihua, die kahlköpfigen Humanoiden von Fang Lijun oder die in blutigen Rottönen gemalten Körper von Yang Shaobin, um nur einige der bekanntesten Vertreter des aktuellen Chinabooms zu nennen, sind mittlerweile auch dem westlichen Kunstpublikum ein Begriff. Sigg, der von 1980 bis 1991 als Vizepräsident der Schindler China-Elevator Co. (des ersten Joint- Venture-Unternehmens zwischen China und Europa) und von 1995 bis 1998 als Sonderbotschafter der Schweiz in Peking lebte, konnte die Werke zu einem Bruchteil ihres heutigen Preises erwerben. Er ist indes nicht nur Nutznießer des Chinatrends, sondern einer seiner aktivsten Promoter. Ein Charles Saatchi der chinesischen Kunst?

Sigg winkt ab. Er sammle chinesische Kunst nicht aus Spekulation, sondern weil ihm die Kultur des Landes ein Anliegen sei. Es sei ihm nicht darum gegangen, einzelne Positionen hochzujubeln (und dann, wie Saatchi in Großbritannien, wieder fallen zu lassen), sondern er habe den Anspruch gehabt, eine Aufbruchbewegung möglichst breit abzubilden. „Von vielen Künstlern besitze ich nicht mehr als ein oder zwei Werke“, führt er aus. „Und es waren nicht immer nur qualitative Kriterien, die mich zu einem Ankauf bewogen.“ Was Sigg in seinem Schoss und in seinen Lagern hortet, ist ein Stück chinesische Geschichte, die ohne ihn längst in alle Winde zerstreut wäre.

Tatsächlich setzte der künstlerische Aufbruch, der mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Öffnung Chinas Hand in Hand geht, in den ersten Jahren nach Maos Tod 1976 nur zaghaft ein. Die Künstler, die vorher mit scharfen Restriktionen zu kämpfen hatten, begannen langsam ihre eigene Sprache zu entwickeln, vieles von dem, was interessant und neu war, ereignete sich im Untergrund. Mit der Demokratiebewegung und ab 1998, nach dem Debakel auf dem Platz des himmlischen Friedens, artikulierten sich die chinesischen Künstler indes immer deutlicher. So fiel Siggs zweiter China-Aufenthalt als Sonderbotschafter in eine äußerst fruchtbare Zeit.

Bis vor kurzem gab es indes keine lokale Sammlerschaft. Galeristen wie beispielsweise Lorenz Helbling engagierten sich zwar in Shanghai, verkauften ihre Ware aber fast ausschließlich ins Ausland. Sigg erkannte die gesellschaftliche Bedeutung seiner Sammlungstätigkeit schnell. Er veränderte seine Kriterien und verbreiterte seinen Fokus. Wenn er im Kunstmuseum Bern zur Eröffnung der Ausstellung „Mahjong“ mit 340 Werken aus seiner Sammlung erklärt, dass es ihm ein zentrales Anliegen sei, den Westeuropäern einen Einblick in die „chineseness“ zu vermitteln, ist das zwar glaubhaft. Doch viele der ausgestellten Werke können ohne entsprechende Hintergrundinformationen kaum gewürdigt werden, so dass die Ausstellung als Ganzes weniger aufklärt als die Komplexität der Situation überhaupt erst vor Augen führt. Den kalligraphischen Zeichen von Xu Bing zum Beispiel ist nicht anzusehen, dass sie erfunden sind. Die Insistenz, mit welcher der Künstler Papierbahn um Papierbahn mit Schriftzeichen füllt, vermittelt gleichwohl eine Ahnung von der Bedeutung seiner Auseinandersetzung mit der Tradition.

Tradition, Kommunismus und Kapitalismus sind die Kardinalsthemen der Ausstellung, in der das Figurative dominiert. Chinesische Künstler arbeiten kaum je selbstreferenziell: der gesellschaftliche Kontext kommt immer vor. Manche Positionen spiegeln neben der eigenen Lebenswelt auch den Einfluss des Westens. Insbesondere bei Positionen, die auf den ersten Blick als chinesisch identifiziert werden können, wird man den Verdacht nicht los, dass eine Reihe chinesischer Künstler mit auf den internationalen Markt gerichtetem Dollarblick arbeiten, Konsequenz einer globalen Öffnung.

Diese mag zwar postkoloniale Züge tragen (in der Regel sind es westliche Kuratoren, die bestimmen, welche chinesischen Künstler in die internationale Kunstwelt Eingang finden), aufzuhalten ist sie nicht mehr. Und man würde Sigg gründlich missverstehen, wenn man ihm unterstellte, ihm sei die Problematik seiner Tätigkeit nicht bewusst. In der Jury des von ihm ins Leben gerufenen Kunstpreises zum Beispiel saßen neben Harald Szeemann und der New Yorker PS1-Direktorin Alanna Heiss ganz selbstverständlich auch der in Paris lebende chinesische Kurator Hu Hanrou und der Pekinger Künstler Ai Weiwei.

Mahjong. Chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg. Kunstmuseum Bern, bis 16. Oktober. Katalog 65 SFr.

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