Kultur : Schrille Töne, stille Farben

Nach der MoMA-Schau: Berlins Neue Nationalgalerie eröffnet ihre „Gegenwelten“ – ohne Glamour

Nicola Kuhn

Der Titel ist Programm: „Gegenwelten“, die Nachfolgeausstellung der großen MoMA-Schau in der Neuen Nationalgalerie will ein eigenes, unabhängiges Universum präsentieren, im Kontrast zum Glamour aus New York, aber auch als Konterpart zu der Welt da draußen, außerhalb des Museums. Fast auf den Tag genau ist es ein Vierteljahr her, dass die große MoMA-Schau im Mies-van-der Rohe-Bau ihre Pforten schloss und all die berühmten Werke von Picasso, Gauguin, Matisse wieder in Richtung Manhattan entschwanden. Seitdem herrschte gähnende Leere in der Neuen Nationalgalerie, an der auch die amüsante nächtliche Performance des Briten Mark Wallinger im Bärenkostüm und die feinen Stein-Setzungen des Bildhauers Ulrich Rückriem nichts ändern konnten.

So richtig hat niemand verstanden, wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz den seit Jahren heißesten Kunstort Berlins nach dem MoMA-Coup so gnadenlos kaltstellen konnte. Ursache dafür soll der Teppich sein, der in den letzten drei Monaten wieder hergerichtet werden musste, nachdem 1,2 Millionen Besucher den alten Flor endgültig flach getrampelt hatten. Dass es nun einen neuen gibt, sehen vermutlich nur Experten, so diskret und mausgrau wie sich der Nadelfilz zu Füßen des Publikums präsentiert. Mit Wehmut erinnert man sich der magenta-roten Aufmachung der MoMAAusstellung. Ach Berlin, deine Gegenwelten kommen bescheiden daher.

Aber letztlich liegt der Neuen Nationalgalerie die triumphierende Geste nicht, auch wenn die Hauptstadt es gern eine Nummer größer hat. Die „Gegenwelten“-Schau schöpft aus den Beständen des Hauses, die zweifellos ebenfalls Großartiges bergen, aber nicht zum permanenten Flug von einem Highlight zum nächsten taugen. Das also ist das „Gegen“-Programm zur MoMA: eine gewisse Nüchternheit, eine sachlichere Beschäftigung mit der Kunstgeschichte des vergangenen Jahrhunderts – jenseits des Publikumshype.

Dabei lebt das Entree noch ganz vom amerikanischen Machismo. Der große Eingangssaal ist ausschließlich Andy Warhol gewidmet, dem großen Umwerter aller Kunstwerte. Und doch erscheint seine Erhebung zum Zentralgestirn der Kunst des 20. Jahrhunderts, das von diesem Saal aus in alle vier Himmelsrichtungen der Neuen Nationalgalerie strahlt, stark übertrieben. Die Sammlung Marx durfte mit ihren Leihgaben kunsthistorische Maßstäbe setzen, vermutlich um ein Gegengewicht zur gegenwärtigen Verdrängung aus dem Hamburger Bahnhof durch die Flick-Collection (verlängert bis 28.März) zu bilden. Ansonsten ist gegen die neue Hängung nichts einzuwenden, in der sich eigene Bestände und Werke aus dem Haus anvertrauter Privatsammlungen – neben Marx sind es Marzona, van de Loo und Flick – einander ergänzen. Ja, eigentlich sollte es immer so sein, dass die Museumskuratoren aus den Vollen schöpfen, ohne Befindlichkeiten und Versprechungen gegenüber den Privatsammlern berücksichtigen zu müssen.

Der nächste große Akt gehört noch einmal einem Amerikaner, Barnett Newmans „Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau?“ Doch das grandiose Monumentalgemälde ist eingekästelt zwischen zwei Stellwänden, die den Maßen von Newmans New Yorker Atelier entsprechen. Durch die ursprüngliche räumliche Dimension wird die farbliche Abstrahlung des riesigen Bildes zwar sichtbar, aber ansonsten enttäuscht dieses Experiment einer neuartigen Präsentation. Der Betrachter fühlt sich gegen die rückwärtige Wand gedrängt; die Raumwirkung innerhalb des Bildes stößt eher ab.

Ob Dieter Honisch das wohl gefallen hätte? Dem kürzlich verstorbenen Direktor der Neuen Nationalgalerie ist die neue Hängung gewidmet; eine meterlange Vitrine erinnert mit Büchern und Bildern an seine 22 Jahre als Hüter des Hauses. Wer die Sammlung kennt, weiß, in welchem Maß der Museumsmann ihre heutige Erscheinung prägte. Achtzig Prozent gehen auf seine Erwerbungen zurück, sagt Angela Schneider, die heutige stellvertretende Direktorin.

Warhol, Barnett Newman und mit ihnen die deutschen Gegenpole Beuys und Anselm Kiefer bilden die Achse, um die sich alles dreht. Sie teilen die Neue Nationalgalerie in eine linke und eine rechte Hälfte. Die offene Struktur der Räume verbietet eine chronologische Reihenfolge. Stattdessen entwickeln sich die Abteilungen kapitelweise, vermischen sich die Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts, wie es der Realität in den Ateliers entspricht. Dadurch ergeben sich immer wieder spannende Bezüge, etwa wenn man mit den vehementen Vermalungen der Cobra-Gruppe im Rücken auf die kubistischen Bilder Picassos stößt, der neben Francis Bacon hängt, in dessen Werken sich ebenfalls verwandte Deformationen finden lassen.

Darüber hinaus wagt die Ausstellung anregende Begegnungen zwischen den Gattungen. Erstmals sind nicht nur Malerei, Skulptur, Grafik, Fotografie gemeinsam zu sehen, sondern auch Architektur, Film, Mobiliar und Mode. Bis hin zu medizinischem Gerät sind Brücken geschlagen: In Sichtweite der „Skatspieler“ von Otto Dix, die mühsam ihre Karten in den kriegsversehrten Händen halten, befinden sich hölzerne Armprothesen aus der Charité nach Entwürfen Rudolf Virchows. Mag der erweiterte Kunstbegriff auch ein wenig arg strapaziert werden, so öffnen sich doch Horizonte für die Kulturgeschichte, die bei der MoMA-Schau zugunsten eines opulenten Bilderreigens ausgeblendet blieben.

Auch darin versteht sich die neue Hängung als „Gegenwelt“ zur MoMA-Ausstellung: Die Moderne präsentiert sich nicht als geglättete Erzählung, sondern spiegelt das 20. Jahrhundert in all seinen Widersprüchen. Diese treten nicht nur in der Medienvielfalt zutage, sondern auch in der Sprödigkeit des Materials (Arte povera), in Geschichtsbewusstsein (Kiefer, Beuys) und Intellektualität (Konzeptkunst). Hier erklingt das Konzert des 20. Jahrhunderts nicht mit lieblichen Stimmen, sondern in dissonanten Tönen. Amerikaner würden wahrscheinlich den Kopf schütteln: Als Verkaufsschlager eignet sich das alles nicht.

Wo flattern die Fahnen, wo prangen die Plakate und buhlen um die Besucher? Fehlanzeige! Der Alltag, mausgrau wie der neue Boden, hat das Museum wieder ganz im Griff. Das Fest der Kunst bleibt eine Ausnahme.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, bis 3. April.

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