Kultur : Schritt für Schritt

Liebe am Abend: Antje Kruska und Judith Keil und ihr Berlinale-Tanzfilm „Dancing with myself“

Birgit Rieger

Die besten Dinge passieren einfach so. Antje Kruska und Judith Keil, Publizistik- Studentinnen der Freien Universität, haben vor vier Jahren einfach so einen Dokumentarfilm gedreht – und wurden prompt für den Grimme-Preis nominiert. In „Ausfahrt Ost“ porträtierten sie drei Wendeverlierer aus dem kleinen Örtchen Möser in Sachsen-Anhalt und schafften auf Anhieb, was nicht vielen Profis gelingt: eine Sozialstudie, die unterhält. Nach der ZDF-Produktion „Teuflische Spiele“ holten sie mit dem Putzfrauenfilm „Der Glanz von Berlin“ dann tatsächlich den Grimme-Preis und wurden auf der Berlinale 2002 als Nachwuchstalente gefeiert.

Dass Filmemachen schwere Arbeit sein kann, merkt man den beiden 31-Jährigen nicht an. In ihrer Kreuzberger Wohnung hat Antje Kruska den Frühstückstisch gedeckt. Auf einem Stuhl sitzt Judith Keil, gut gelaunt und wie frisch geduscht, mehr Freundin als Kollegin. Wenn sie sich leise kichernd unterhalten, merkt man das. Zwei hübsche Jeans-und-Pulli-Typen, die sich ergänzen, die eine mit braunen Haaren und großen, dunklen Augen, die andere blauäugig und eher blond. Der Kaffee brodelt, das Radio brummt. Möglich, dass genau diese Atmosphäre eine Rolle spielt, wenn Menschen aus gegensätzlichen Lebenswelten sich immer wieder bereit erklären, den jungen Frauen ihre intimsten Geheimnisse zu offenbaren. So wie Reinhard, Ausdruckstänzer zwischen Psychose und Tanzzentrum, keinen Hehl daraus macht, dass er schon früh am Morgen im Schlafzimmer Sirtaki tanzt. „Dokumentarische Arbeit funktioniert nur, wenn beide Seiten etwas davon haben“, sagt Antje Kruska. Reinhard ist für sie ein „Protagonist“, was ein bisschen wie „Patient“ klingt. Und wirklich denkt man, wenn sie von den Gefühlen und Nöten ihrer Schützlinge reden, zwei junge Ärztinnen vor sich zu haben, die ihre Fälle diskutieren.

Auf der Jagd nach intimen Schlüsselmomenten mussten Antje Kruska und Judith Keil beinahe zwangsläufig beim Tanzen landen. Wo sonst geben Menschen mehr preis? Und wo sonst zeigen sie ungeniert Gefühl? Ist doch Tanzen ein Sonderfall der menschlichen Selbsterfahrung. Die Berliner Regisseurinnen zeigen denn auch, dass Tanzen für viele mehr ist, als cool auszusehen oder ein Casting- Show-Training. Zumal in Berlin, wo immer noch in jedem Kellerloch ein Club haust und sich riesige kollektiv-tanzende Umzüge wie Karneval der Kulturen oder Love Parade formieren. Alte, Junge, HipHopper und Sackoträger. Der Tanz als Möglichkeit, Gesellschaft zu erleben? Wer einsam ist, wer sich langweilt, wer nicht sprechen will – geht tanzen.

Kruska und Keil haben sechs Monate in Berliner Clubs und Diskotheken gesucht – nach Leuten, die herausfallen aus dem bebenden Gesamtkörper, die ein besonderes Wollen zeigen. So wird man in „Dancing with myself“ mit dem zuweilen idiotischen, peinlichen und bauernschlauen Alltag von drei Berlinern konfrontiert. Laurin, 18 Jahre alt, wird in der Schule nur verspottet. Abends im Club aber fällt sie auf, ist schön und betörend. Mario darf seine Kinder nicht sehen, lebt in einem Wohnwagen und feiert mit seiner Mutter einen entsetzlich traurigen Geburtstag. Wut, Trauer, Angst und Sehnsucht tanzt sich der 36-Jährige abends von der Seele. Reinhard ist Rentner und mit 63 schwer verliebt. Man findet ihn barfuß beim Early-Evening oder Energy- Dance, wo auch die hübsche Stella sich regelmäßig verausgabt. Schwer zu sagen, ob Reinhards chronische Schlafkrankheit schuld ist, jedenfalls reicht seine Power nicht, um die Frau zu erobern.

„Dancing with myself“ ist von den durchgestylten Musical-Tanzfilmen der Achtzigerjahre weit entfernt. Die Fähigkeit, dem Zuschauer fremde Schicksale nahe zu legen, ohne Sozialromantik oder Reality-Schock, gab für Berlinale-Sektionsleiter Alfred Holighaus den Ausschlag „Dancing with myself“ als Eröffnungsfilm für die Perspektive Deutsches Kino zu wählen. Der Film repräsentiere mit seiner Wirklichkeitsauffassung das gesamte Programm der Perspektive, sagt er.

Dennoch: „Dancing with myself“ ist ein Tanzfilm und nicht der erste seiner Art – nach „Rhythm is it“, einem Film über das Education-Projekt der Berliner Philharmoniker, bei dem 250 Berliner Jugendliche unterschiedlichster Nationalität und Schicht zu Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ tanzten, oder Lilo Mangelsdorffs Porträt „Damen und Herren ab 65“, wo eine Seniorengruppe als Laienschauspieler in Pina Bauschs Tanztheaterstück „Kontakthof“ mitwirkt. Doch Einflüsse auf Antje Kruskas und Judith Keils Arbeit gehen eher von der authentisch-radikalen Welt des Andreas Dresen („Nachtgestalten“, „Halbe Treppe“) aus oder den psychologisch einfühlsamen Porträts eines Andres Veiel („Die Spielwütigen“, „Blackbox BRD“). So gehen dem eigentlichen Dreh unzählige Treffen, Gespräche, gemeinsame Tanzabende, Spaziergänge voraus. „Wir kennen die Leute mindestens drei Monate, bevor wir zum ersten Mal mit der Kamera arbeiten“, sagt Antje Kruska. Das scheint das Geheimnis zu sein: Zeit. Und Zärtlichkeit ist wohl auch dabei.

Bei Weissi, einer der Putzfrauen aus „Glanz von Berlin“, waren sie neulich zum Geburtstag eingeladen. Solche Dinge passieren nicht einfach so.

Heute, 21 Uhr, CinemaxX 3; 12.2., 13 Uhr 30, Colosseum und 20 Uhr, CinemaxX 1

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