Kultur : Schrittmacher

Das „Herbstfestival“ studiert das Gehen im Tanz.

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An goldenen Herbsttagen strömen die Berliner in Parks und schreiten die Ufer der Spree ab - einige Vordenker würden in den Spaziergängen schon Performances sehen. Die Frage, wann Gehen noch Gehen und wann schon Tanz ist, ist ein Themenschwerpunkt des von der Berliner Tanzfabrik ausgerichteten Herbstfestivals in den Uferstudios.

Zweieinhalb Monate lang war die Berliner Choreografin und Performerin Katja Münker zu Fuß in den Alpen unterwegs. Keine Wanderung war das, sondern eine „Walk-In-Progress-Performance“, eine performative Erforschung des Gehens, die Münker in eine Aufführung überführt (28. und 29.9). In „die Kunst des Gehens“ führt sie Teilnehmer im gleichnamigen Workshop ein (21. und 22.9.).

Schon in den 60er Jahren erklärten Choreografinnen wie Yvonne Rainer oder Trisha Brown das Gehen zum wesentlichen Bestandteil des postmodernen Tanzes. Zerlegt in seine Einzelteile, bleibt als kleinste Einheit schließlich der Schritt. Auch Konzeptkünstler wie Bruce Nauman oder Richard Long entwickelten Installationen und künstlerische Praktiken rund ums Gehen. In einem Vortrag (29.9.) rollt der Theaterwissenschaftler Ralph Fischer die Geschichte der bedeutendsten Schritte noch einmal auf.

Getanzt wird auch auf dem Herbstfestival. Mit der Uraufführung von „Dust“, ein von der Koreanerin Hyoung-Min Kim konzipiertes Tanzstück (20., 22., 26. bis 29. 9.), und dem Showing der choreografischen Arbeiten sechs serbischer Künstler unter dem Titel „Temporaries“ (27.9.) holt die Tanzfabrik Nachwuchstalente auf die Bühne. Seit der Eröffnung vor zwei Jahren gelten die Uferstudios als Keimzelle für zeitgenössischen Tanz. Junge Künstler aus ganz Europa nehmen hier an Residenzprogrammen teil oder studieren am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz (HTZ).

Die Tanzfabrik unterstützt den Nachwuchs bei der Geldmittelakquise, stellt Räume zur Verfügung, gibt Feedback während der Produktion. In Berlin brodelt die Szene. Doch es könnte noch mehr passieren, wenn es nach dem künstlerischen Geschäftsführer Ludger Orlok ginge. Er wünscht sich Budgets, die auf mehr als zwei Jahre angelegt sind, damit könne man ein choreografisches Zentrum wie den Pact Zollverein in Essen realisieren, bisher das einzige seiner Art in Deutschland. Bis das in Berlin soweit ist, wird man noch viele Herbstspaziergänge machen können. Sabine Weier

„Herbstfestival – Part One“, 20. bis 29.9., Uferstudios, Uferstr. 8/23, Programm unter www.uferstudios.com

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