Kultur : Schröder als Krisenmanager: Von Amts wegen

Robert Von Rimscha

Sein erstes Attribut war das gewagteste. Noch brannten die beiden Türme des World Trade Center, da sprach Gerhard Schröder von der "unbedingten Solidarität" mit den USA. Unbedingt. Ohne Bedingungen. Bedingungslos. Da spricht der Kanzler. Dem SPD-Vorsitzenden würde eine solche Festlegung nicht so leicht durchgehen. Aber in diesen schwierigen Wochen ist Schröder nur im Nebenberuf SPD-Chef. Er ist Kanzler. Nie war er es mehr. Die Brauen heruntergezogen, das Gesicht zerknittert: Das ist die Last des Amtes. Kanzler und Krisen: Schröder steigt gerade in jene Stratosphäre hinauf, in der sich sein letzter Parteifreund als Vorgänger, Helmut Schmidt, nach dem "Deutschen Herbst" des RAF-Terrors von 1977 befand. Da konnte sich Schmidt mit Wahlplakaten beim Volk bewerben, die ihn nachdenklich-entrückt von schräg hinten zeigten. Im Halbdunkel. Die Weltläufe steuernd, mit Bedacht, ohne Aktionismus. Das war es, was der linksradikale Terror mit Helmut Schmidt anstellte. Was der fundamentalistische Terror mit Schröder anstellt, sieht man in diesen Tagen.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Schnell ist Schröder auf die Formulierung "uneingeschränkte Solidarität" umgestiegen. Er ist, wenn er seinen Kurs erklärt, ernst, und jetzt, nach eineinhalb Wochen, auch ein wenig müde. Seine Botschaft wieder und wieder klarzumachen, dessen wird er aber nicht müde. Die Botschaft lautet: Wir sind Verbündete, wir stehen zu unseren Pflichten. Es gibt Grenzen der Konsultation: Natürlich entscheidet letztlich Washington. Und an seine Partei, die SPD, gerichtet: Wir müssen da durch.

Inmitten der neuen Autos auf der IAA sagt Schröder: "Wir lassen uns nicht unterkriegen, schon gar nicht von blindwütigen Terroristen." Auch er will sich nicht unterkriegen lassen. Ernst und fest, so will er sein. Das ist die aktuelle Form der "ruhigen Hand". Der Kanzler als Träger der Trauer und des Trosts. Dort, wo er nun von der Lage profitiert, ist er ein Profiteur aus eigenem Verdienst. Doch auch eine Gefahr droht. Wenn die Bilder aus New York längst vergessen sein werden, wenn nur noch über die Angemessenheit des Gegenschlags debattiert wird, bleibt eine Realität: Die weitere Konjunktureintrübung. Ob Welt-Rezession oder nicht: Wenn wieder Fragen nach Arbeitslosigkeit und Wirtschaftswachstum als legitim gelten, könnte Schröder plötzlich als Opfer dastehen. Dem Helmut Schmidt der Ölkrise folgte dann der Gerhard Schröder der Terrorismus-Talsohle.

Deshalb gibt er seine Durchhalteparolen bei der IAA aus, deshalb mahnt er Wirtschaft und Verbraucher zur Normalität: Kaufen, konsumieren, investieren. Denn Schröder weiß auch, dass Regierungschefs nicht nur nach ihrer Krisenfähigkeit gemessen werden, sondern nach dem Alltag. Hat nicht der Vater des gegenwärtigen US-Präsidenten einen erfolgreichen Feldzug gegen Saddam Hussein geführt und trotzdem die nächste Wahl verloren?

Am Mittwoch, nach einem Gespräch mit Tony Blair, rutscht ihm heraus, was seine Haltung am treffendsten beschreibt. Als Einleitung benutzt der Kanzler zwei Worte, die nicht aus der Sprache der Analyse stammen. Es sei eine "menschliche Selbstverständlichkeit", so zu handeln, so Amerika beizustehen. Eine "menschliche Selbstverständlichkeit". Weil es an Selbstverständlichkeiten keinen Zweifel gibt, deshalb ist der Kurs so klar, die Solidarität so unhinterfragbar. "Menschlich": Das Bündnis der Nato-Staaten gehorcht eben nicht nur der Rationalität von Paragraphen und Risiko-Analysen. Wer wissen will, warum Gerhard Schröder so "entschiedene Positionen" vertritt, wie Tony Blair lobt, und warum er so unbeirrbar und überzeugt scheint, braucht nur diese beiden Worte als seine Richtschnur zu begreifen: "Menschliche Selbstverständlichkeit."

Nie sind Gesten wichtiger als in Krisenzeiten. Im Bundestag schenkt Schröder den Grünen zwar ein paar Weltgerechtigkeits-sätze, aber den Unions-Rednern Aufmerksamkeit und dankendes Kopfnicken. Die Asien-Pazifik-Wochen sucht er sich aus, um den Satz für seine Regierungserklärung und den Auftritt mit Blair zu proben: Dass es sich nicht um einen "Kampf der Kulturen, sondern um einen Kampf um die Kulturen" handele. Gesten: Halbprivate Termine mit Ex-Regierungsmitgliedern sagt Schröder ab. Keine Zeit, Krisenmanagement. Er sucht lieber das Gespräch mit Religionsvertretern, mit Christen, Juden, Moslems. Die Welt müsse "vereint gegen die Geißel des weltweiten Terrorismus" angehen, sagt er, und die Kulturen müssten "zusammengeführt" werden.

Am Freitagmorgen liest Schröder ausgiebig den Redetext von Präsident Bush, in dem dieser wenige Stunden zuvor die sofortige Auslieferung des gesamten bin-Laden-Umfelds verlangt und auch die Taliban zum Ziel des US-Militäreinsatzes erklärt hat. Schröder holt sich die Einschätzung seiner Berater ein, spricht am Telefon mit Chirac über Bushs Erklärung und trifft sich dann mit Joschka Fischer, der ihm eine persönliche Botschaft des US-Präsidenten aus Washington mitgebracht hat. Wenige Stunden später ist Schröder mit seinem Außenminister beim Sonderrat der Europäer in Brüssel.

Betonen deutscher Entschlossenheit

Ständig informiert Schröder die Partei- und Fraktionschefs - weiter inklusive der PDS, die CSU-Landesgruppenchef Glos wegen ihres Ausscherens aus der Bündnisfront ausgeladen haben will. Im Vordergrund aber steht die Gipfel-Diplomatie in Zweier-Häppchen. Denn die Gesten und Worte nach draußen sind mindestens so wichtig wie jene nach innen. Blair und Robertson waren gerade da. In den kommenden Tagen geht es weiter: Putin und Mubarak besuchen ihn am Dienstag, Berlusconi am Mittwoch. "Der macht das schon sehr souverän im Moment", sagt ein FDP-Politiker. Ja, die Opposition. Sie hat es derzeit nicht leicht. Warum das so ist, drückt ein führender Sozialdemokrat so aus: "Ich kann verstehen, dass die Union Angst hat, dass alles weg sackt. Nur der Kanzler ist da, und die Regierung, und die Nato." Die Stunde der Krise - zugleich auch stets die Stunde der Exekutive.

Gibt es einen Dissens zum Bundespräsidenten, der Bedacht anmahnt, der den Frieden herbeiruft und vor Rache warnt? "Dass Rau Besonnenheit auch in seinem Bemühen nach vorne stellt, zur Beruhigung beizutragen, ist verständlich", meint Uwe-Karsten Heye, des Kanzlers Regierungssprecher und ein Mitglied des inneren Zirkels. Und Heye sagt auch, was den Kanzler vom Präsidenten unterscheidet: Das Betonen deutscher Entschlossenheit. "Es ist Sache der Politik, sich entsprechend zu wappnen."

Also kein Dissens, sondern Arbeitsteilung. Wenn die Spitzen der Union auf den Kanzler blicken, sehen sie in diesen Tagen einen Mann, der sich festgelegt hat. Ja zum Bündnis. Ja zu Amerika. Ja zu den Pflichten, die zu erfüllen vielen im Lande so schwer fällt, weil sie stets so fern lagen. Dieser Kanzler der Klarheit ist es auch, dem die Union eine "große Koalition der Vernunft" (Bosbach) oder eine "nationale Allianz der Entschlossenheit" (Merz) anbietet.

Der Herr über die Richtlinienkompetenz hat in diesen Tagen am klarsten jene Qualität bewiesen, die Amerikaner "leadership" nennen: Führungskraft. Es ist eine mit dem Anspruch, das Richtige für das ganze Land zu tun. Nicht für die eine oder andere Wählergruppe. Nicht einmal für seine Partei. Oft sogar gegen die Instinkte an der Basis seiner Koalition. Das ist, was für die Opposition das größte Problem darstellt: Schröder, dessen Erfolge nie wirklich bestritten wurden, der aber stets als zu eitel, zu wankelmütig, zu prinzipienlos beschrieben wurde, ist auf einmal ein Fels. Er hat bekommen, was die Union am meisten fürchtet: Tiefgang, Ernst, argumentative Unbeirrbarkeit. Bye bye Beliebigkeit, hallo Schwere. Das erste Opfer Osama bin Ladens ist der Brioni-Schröder.

Mit dem Slogan "Substanz statt Show" solle die Union in den Wahlkampf gegen Schröder gehen, hat Wolfgang Schäuble seiner Partei einmal geraten. Dies geht nun nicht mehr. Kommt von daher das Scharren der Union, jetzt eine nationale Not-Allianz zu schmieden? Auch für diesen Umstand hat Uwe-Karsten Heye eine passende Formel parat: "Die Verantwortung der Bundesregierung ist nicht teilbar."

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