Kultur : Schröder ist Wotan

Flott, aber nicht neu: Der Musikjournalist Axel Brüggemann schreibt über „Wagners Welt“

Christian Thorau

George Bernhard Shaws Einführung in Wagners „Ring“, „The Perfect Wagnerite“, erschien vor hundert Jahren in einer deutschen Ausgabe unter dem Titel „Ein Wagnerbrevier“. Shaw schrieb für Novizen einer neuen musikdramatischen Kunst, für ein Publikum mit großen Wachstumsraten und gegen die Widerstände, die Wagners Musik seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hervorgerufen hatte. Er lieferte damals nicht nur eine neue politische Interpretation der Tetralogie, er bediente sich auch eines ironischen Tonfalls, der die Skeptiker überzeugen sollte und den wahren Enthusiasten verriet.

Für wen und wie schreibt man heute eine Wagner-Einführung? Wo beginnt und wo endet ein Brevier heute, mit dem tonnenschweren Wirkungsgepäck des 20. Jahrhunderts? Der Musikjournalist Axel Brüggemann, der im Frühjahr durch seine wüsten Attacken gegen Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker aufgefallen war, hat nun ein Buch vorgelegt, das sich in Shaws Tradition stellt und auf beide Fragen umfassend reagiert. Sein Basic-Intensiv-Kurs für Anfänger und Fortgeschrittene, Verehrer und Verächter will es allen recht machen, alles hineinbringen, jedes spritzig, kernig und locker präsentieren. Brüggemann stellt sich der Herausforderung eines aktualisierten Breviers. Doch sein Projekt gelingt nicht ohne Abstriche.

„Wie hat Wagner seine Opernwelt erfunden, die als globaler Weltentwurf gedacht war?“ Da stutzt man. Wagners Musikdramen implizieren wohl Gesellschaftsentwürfe eines bürgerlichen, eurozentrischen Künstlers, sie waren maßlos und aneignend, aber „global“ im inflationären, heutigen Sinne waren sie nicht. „Wie haben sich Nietzsche, Shaw, Hitler, Stalin, Konwitschny und Schlingensief an seinem Œuvre abgearbeitet?“ Das möchte man gerne wissen, allerdings anhand dieser marktschreierischen Genealogie? Genauso springt einen später die Kapitelüberschrift „Nietzsche, Mann, Hitler & Co.“ an. Unter ihr gelingt Brüggemann dann eine kompakte Darstellung von Nietzsches Wagner-Kritik, Thomas Manns Verteidigung, Hitlers und Stalins Vereinnahmungen.

Man ist hin- und hergerissen. Der Autor verspricht, „mit spitzer Feder in pathetische Sprechblasen zu stechen“, doch auch in seiner Gedankenführung bohrt man lieber nicht nach (einige sachliche Schnitzer wird die zweite Auflage korrigieren müssen). Die gute Idee, das stationen- und wissensreiche Kapitel über das Regietheater mit dem Rekurs auf Claude Lévi-Strauss und die Dichotomie von Geschichte und Mythos zu eröffnen, versandet in einer für die Musik wie für die Regie enttäuschenden Feststellung: Wie vorteilhaft es sei, dass die historische Wahrheit in der Oper nie konkret wird, weil sie sich am besten in der Musik offenbaren kann, „in der uneindeutigsten aller Sprachen, die aber so direkt an den Emotionen rüttelt wie keine andere“. Häufig zieht sich Brüggemann auf solche Gemeinplätze zurück, wenn er zu nahe an die Musik gerät. Warum wird uns die Einsicht Lévi-Strauss’ nicht zugetraut, dass Musik durch ihre Sinnlichkeit eine zweite, kommentierende Zeichenebene bildet, die den Mythos analysiert – und den Mythos umgekehrt als Analyse der Musik erscheinen lässt?

Überhaupt scheint dies ein geheimes Leitmotiv zu sein: die Vernachlässigung der Musik zugunsten der im flotten Magazinstil formulierten, umfangreiches Wissen leichtgewichtig komprimierenden, aber alles andere als innovativen Leben-im-Werk-Darstellung. Anderthalb Seiten für Wagners Kompositionstechnik müssen genügen. Aber was im Ohr bleibt, wenn man das Theater verläßt, was man imaginiert, wenn man an Wagners Musik denkt, bleibt unbeschrieben. Sie steht irgendwo fern draußen, obwohl Nähe zu ihr suggeriert wird.

Wer das wirklich als Wagner-Neuling liest, für den scheint die Musik nur Teil eines riesigen Räderwerkes der Wagnerschen Gesamtkunst zu sein, die auditive Abteilung der „Mythenmaschine“ Oper. Es ist ein Wagner von außen, der hier angeboten wird. Das Innere, die ästhetische Faszination seiner Musik bleiben leer.

Schröder ist Wotan, Müntefering sein Siegmund, das abwählende Volk handelt als Siegfried und Merkel regiert als neue Kundry: Der Besuch des Altkanzlers in Bayreuth und die Wagnerleidenschaft der Kanzlerin sind Brüggemann Anlass genug für eine Schlussglosse mit ultimativer Aktualisierung. Brüggemann setzt das Deutungsspiel fort, das Wagner selbst begann und seine Freunde und Feinde weiterspielten. Damit führt er sein „Wie Deutschland zur Oper wird“-Leitmotiv bis zur Erschöpfung durch. Auf einen Wagner-Shaw fürs 21. Jahrhundert aber müssen wir weiter warten. Vielleicht doch erst zum Original von 1897 greifen, oder einfach mal ein Wagnerwerk wagen?

Axel Brüggemann, Wagners Welt oder wie Deutschland zur Oper wurde. Kassel, Bärenreiter Verlag 2006, 199 S., 19,95 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben