Kultur : Schröder und der Osten: Wendepunkte

Torsten Hampel

Die Karawane kommt. Der Kanzler und seine 30 Begleiter - sie haben 750 Kilometer im Auto vor sich, 500 Kilometer im Hubschrauber. Sie werden durch sechs Bundesländer reisen und die Nachbarn besuchen, Tschechien und Polen. Doch Schröder hat keine Spendierhosen an. Er will Zeichen setzen und deutlich machen, welche Chance in der Öffnung der EU nach Osten liegt: 40 Jahre nach dem Mauerbau "die europäische Spaltung endgültig zu überwinden." Schröder will das "Vertrauen in die Lösbarkeit der Risiken stärken". Die Regierungschefs in den Bundes- und in den Nachbarländern sollen ihm dabei helfen. Den polnischen Präsidenten wird der Kanzler auch treffen. Und vielleicht seine Cousinen. Grafik: Schröders Sommerreise

Schkopau

Es war immer schmutzig in Buna, dem großen Chemiewerk in Schkopau bei Halle. Weiße Hemden trug hier keiner, und wenn doch, dann mit einem Kittel darüber. In Grau, war besser so. Seit den späten 30er Jahren standen in Buna neben tausend anderen Schornsteinen zwei besonders große, die bliesen Staub in die Luft, einen grauen, schweren Kalkstaub, der den Hausfrauen der Umgebung die frische Wäsche auf der Leine sofort wieder verdreckte. Den Staub soll der Wind immer mal wieder bis nach Kanada geweht haben, erzählte man sich, Forscher hätten dort Spuren davon gefunden. Das machte alle ein wenig stolz in Buna, dem VEB Chemische Werke Buna. Noch ein Vorteil der Kalkfahne: Die Böden in der Gegend konnten nicht versauern.

Schmutzig ist es in Buna heute nicht mehr. Die Riesenfabrik ist fast gar nicht mehr da. Anstelle der zwei asthmatischen Kohlekraftwerke steht heute nur noch eines, ein neues mit Filtern im Schlot. Ringsherum ist nichts mehr von dem zu sehen, was vor vierzig und auch vor zehn Jahren noch stand. Die Baracken am Nordtor zum Beispiel, in denen sie im Krieg die Zwangsarbeiter einsperrten, später dann die Schlesienflüchtlinge einquartiert waren und schließlich die Lehrlinge, die Baracken sind weg. Die große Karbidfabrik - auch weg; die Chloranlagen - weg. Zum Glück, denn das Werk hat den Menschen, die in ihm gearbeitet haben, nicht gut getan. Chlorgas zum Beispiel, wenn man es einatmet, macht, dass man hustet und nicht mehr damit aufhört, bevor die Lunge nicht draußen ist. Manchmal kamen Lehrlinge hierher und räumten bei einem Subbotnik, einem freiwilligen Arbeitseinsatz am Sonnabend, Metall-Schrott aus den vergasten Gebieten zwischen den undichten Rohren raus. Wenn sie nicht gerade woanders Quecksilber von den Anlagentürmen herunterfegten. Das kann heute alles nicht mehr passieren. Das Gras in Schkopau ist grün und nicht grau, auch wenn es nicht gerade geregnet hat.
Torsten Hampel

Jena

Jena, das ist ein kleines Thüringer Nest zwischen zwei Berghügeln. Kurz vor Weimar. Weit hinter Leipzig. Nichts, was wirklich begeistert. Die Jenenser aber, die hatten es schon immer in sich. Seit der Feinmechaniker Carl Zeiss und der Mathematiker Ernst Abbe 1863 begannen, hier Fernrohre und Mikroskope zu bauen, weiß man in aller Welt: In Jena versammelt sich die geballte deutsche Optik- und Feinmechanik-Elite.

Klar, dass sich die DDR-Regierungschefs vom ersten Tag an im Glanz der Jenaer sonnen wollten. Seit den frühen sechziger Jahren zogen die Berliner SED-Oberen Millionen aus anderen Betrieben des Landes ab und pumpten das Geld in das VEB Kombinat Carl-Zeiss-Jena. Die Produkte von Carl-Zeiss waren zwar in der DDR überall gebraucht und gesucht, aber nicht zu bekommen. Denn die Optiker in Jena sicherten von Anfang an die Dollarkassen der SED-Regierung durch den Export. Und so baute man selbst ein eigenes Plattenbau-Wohnviertel im Ortsteil Lobeda - weit über Jena hinaus sichtbar - auf, um Ingenieure nach Thüringen locken zu können. Dass die Macht des Kombinatsdirektors Wolfgang Biermann (der heute eine großzügige Pension im Elsass verlebt) mit zunehmender Devisenknappheit der Berliner Politstrategen wuchs, ist klar. Schaurige und zugleich glaubwürdige Geschichten erzählt man sich vom heimlichen Sonnenkönig in Thüringen. So rief er gern nachts um vier Uhr zur Führungskräftetagung. Immer wieder habe er dann wutschnaubend Aktenberge aus dem Fenster seines Büroturmes geworfen, wenn ihm der Vortrag eines übernächtigten Mitarbeiters nicht passte.

Dass Jena in den vergangenen zehn Jahren zu einem städtebaulichen Kleinod herangewachsen ist, kann niemand wirklich behaupten. Doch die Gene der Einwohner, die scheinen alle Zeitenwenden schadlos zu überdauern. Nicht nur, dass aus dem ehemaligen Kombinat mitten im Stadtzentrum ein imposantes börsennotiertes Unternehmen - die Jenoptik AG - erwachsen ist, dass sogar im Westen große Unternehmen aufgekauft hat. Auch der medienwirksamste New-Economy-Unternehmer Deutschlands, der Intershop-Gründer Stefan Schambach - brach von hier aus zu seinem Internet-Feldzug auf. Ja, und einen Sonnenkönig, den hat Jena auch jetzt wieder: den Ex-Ministerpräsidenten und Jenoptik-Chef Lothar Späth.
Antje Sirleschtov

Halle

Halle an der Saale war 1990 kein Ort, der einem deshalb eingefallen wäre, weil er besonders lebenswert gewesen wäre. Allein die Luft: Wer kurz nach der Wende in die sachsen-anhaltinische Stadt kam, roch die Großchemie südlich von Halle noch jeden Morgen nach dem Aufwachen in der Nase. Ökologie zählte im real existierenden Sozialismus der DDR nicht viel. Das änderte sich schnell. Die Fabriken gingen ein oder wurden modernisiert. Im August 1990 sprach die Buna AG erstmals von der ökologischen Wende. Die Chemie ist immer noch der größte Arbeitgeber. Doch Halle hat nach wie vor Probleme. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und in den Trabanten-Siedlungen in Neustadt, auf der Silberhöhe oder Halle-Süd mit ihren Plattenbauten sind die sozialen Spannungen besonders groß. Sie wurden seit Anfang der sechziger Jahre hochgezogen, gleichzeitig verfiel die Innenstadt. Ganze Viertel der Stadt, die im Krieg kaum von Bomben getroffen worden war, ließen die Stadtoberen schleifen, um dort ihre Vorstellungen einer sozialistischen Stadt umzusetzen.

Doch Halle hat sich behauptet. Heute erstrahlen die renovierten Teile der Altstadt in neuem Glanz. Sie geben Halle ein städtisches Bild, einen urbanen Zug, der sich so im kriegsgeschundenen Magdeburg, der großen Konkurrentin, nicht findet. Dazu die alte Universität, eine lebendige Kultur. Halle ist nicht wie Leipzig, aber es ist mehr wie Leipzig als die nicht weit entfernte Landeshauptstadt Magdeburg. Die Hallenser Bürger hat es nach 1990 tief getroffen, dass die Regierung des neuen Landes Sachsen-Anhalt nicht in ihrer Stadt ihren Sitz genommen hat. Diese Wunden sind verheilt, aber bald jeder fünfte ist ohne Arbeit. In manchen Vierteln der modernen Trabanten-Siedlungen ist der Anteil der Arbeitslosen besonders hoch.
Carsten Germis

Berlin

Dies sei dem derzeitigen deutschen Bundeskanzler ins Reisegepäck gesteckt: Er unternehme durch die sogenannten neuen Länder, die übrigens in ihrer Kulturgeschichte mindestens so alt sind wie sein Niedersachsen, keinen gönnerhaften Schmusekurs. Er bedenke: Die einstige DDR-Bevölkerung hatte hinter Ost-Berlin, penetrant "Hauptstadt der DDR" genannt, immer zurückzustehen. Berlin hat deshalb dort noch immer so einen fatalen Beigeschmack, auch als nun gesamtdeutscher Dreh- und Angelpunkt und fast auch penetrant "Hauptstadt" genannt.

In Berlin wurde nolens volens ein deutsch-deutsches Empfinden gefestigt wie nirgends im deutschen Bundesgebiet. Das hat Parallelen zu dem, was seit 1989 "ostdeutsche Befindlichkeit" genannt wird. Auch das bedenke der derzeitige Bundeskanzler auf seiner werbenden Landpartie.

In den fünfziger Jahren wurden wir West-Berliner von den schon recht fetten Westdeutschen als so etwas wie "arme Verwandte" angesehen und behandelt, die DDR-Menschen fast schon wie Hungerleider. Das für den Einzelnen läppische "Notopfer", zwischen 1949 und 1958 erst als Zwei-Pfennig-Zuschlag aufs Porto, dann als Zuschlag zur Einkommens- und Lohn- und Körperschaftssteuer (bis 1958) wurde uns von einigen Zartfühlenden als päppelnde Aushalterei unter die Nase gerieben. Es half uns aber, die wir ja hier in Berlin - anders als unsere Verwandten in Westdeutschland - die gemeinsame Suppe allein auszulöffeln hatten.

Heute unseren Landsleuten in den so genannten Neuen Ländern den Solidaritätszuschlag unter die Nase zu reiben, ist noch unfairer als das "Notopfer" uns ehedem West-Berlinern. Die Bürger in Bautzen oder Gera oder Schwerin tragen gleichermaßen bei zu noch immer nicht ebenen Verhältnissen.

Es gibt durchaus vergleichbar empfindliche Berührungspunkte unter uns Deutschen. Aber sie sind nur in Berlin, wohlgemerkt im vereinigten Berlin, zu begreifen. Nicht die plakativ strapazierte Hauptstadt lehrt das, sondern Berlin, wo sich das deutsche Schicksal mindestens der letzten 40 Jahre schürzte.
Ekkehard Schwerk

Neudorf

Wer in der DDR hoch hinaus wollte, kam an Neudorf nicht vorbei. Das unscheinbare Städtchen am Fuße des Fichtelbergs, mit 1214 Metern der höchste Berg des Landes, war Durchgangsort für Wanderer und Zugreisende. Eine kleine Bahn schlängelte sich durchs Tal, daneben eine holprige Straße und ein paar kleine, alte Häuser. Am Wegesrand und an den Hängen leben heute 2800 Menschen, die Arbeitslosigkeit liegt bei

17,6 Prozent. Industrie gibt es hier kaum. Immerhin hat eine Spindelfabrik überlebt mit 200 Beschäftigten - früher waren es 800. Lehrstellen in den Handwerksbetrieben gibt es nur über Beziehungen, die meisten Jugendlichen wollen weg. Diejenigen, die noch da sind, rauschen nachts mit tiefergelegten Autos über die neu geteerte Straße.

Neudorf ist Grenzgebiet. Bis nach Tschechien sind es gerade einmal drei Kilometer über den Berg. Menschen werden durch den Wald geschmuggelt, erzählen sich die Leute im Dorf. Früher ging das nicht, da war alles abgesperrt. Gleich nach dem Krieg bauten die Sowjets hier Uran ab, das sollte geheim bleiben. In den Wäldern lauerte Grenzpolizei, ein Zaun trennte die sozialistischen Nachbarn. Als nebenan der Prager Frühling niedergeschlagen wurde, rasselten russische Panzer durchs Dorf. Erst 1972 wurde eine Straße in Richtung Tschechien geöffnet, nach und nach wurden die Sanktionen gelockert.

Heute gibt es Wanderwege über die Grenze hinweg. Die Züge zum Fichtelberg sind gut besetzt. Der Lokführer, Michael Müller, hat im Bahnhof ein kleines Souvenirgeschäft eröffnet. Der 36-Jährige konnte sich nie an die DDR gewöhnen. Als Jugendlicher schrieb er ein Gedicht: "Du Mutti, ich habe Angst // Wir spielen heute im Wald // Da stand ein Schild: HALT!" Robert Ide

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