Kultur : Schubert als Skelett

Nico & the Navigators kommen mit ihrem Bregenzer Spektakel nach Berlin

Renate Klett

Bregenz ist eine Stadt von beeindruckender Hässlichkeit. Wie eine idyllische Lage am Bodensee sich durch schlechte Architektur vernichten lässt, kann man hier studieren. Einzige Ausnahme ist Peter Zumthors schlicht elegantes Kunsthaus. Die Bregenzer Festspiele präsentieren ihren „Troubadour“ auf der größten Seebühne Europas mit 7000 Plätzen. Das Bühnenbild zeigt eine feuerspeiende Ölraffinerie, über deren Treppen, Gestänge und Brücken mehrere Hundertschaften turnen. Verdi als belangloses Musical. Aber die Festspiele haben auch eine Experimentierschiene, „Kunst aus der Zeit“, kurz KAZ. Sie bringt Eigenes und Koproduziertes mit dem Hamburger Thalia-Theater (Schwabs „Präsidentinnen“) oder der freien Berliner Szene.

Das neue Projekt von Nico & the Navigators, „wo du nicht bist“, ursprünglich für die Ruhr-Triennale geplant, hat seine Premiere nun mit einem Jahr Verspätung in der Werkstattbühne. Es ist das größte Unternehmen, das die Navigatoren je gesteuert haben – und es ist ein Triumph! Gemeinsam mit der hinreißenden Musikband Franui aus Tirol haben sie ein Stück entwickelt über das Glück, und ausgerechnet Franz Schubert, der große Unglückliche, stand Pate.

Andreas Schett und Markus Kraler haben 18 Schubert-Lieder bearbeitet, skelettiert, zelebriert, weiterkomponiert, ihnen Hackbrett, Akkordeon und Tuba untergejubelt und so einen imaginären, volksmusikalisch verfremdeten Liederzyklus erarbeitet, zu dem Nico and the Navigators Szenen und Bilder erfanden. Wie immer gehen sie das Thema nicht direkt an, sondern flirten mit ihm, umspielen es mit Anekdoten und Assoziationen.Das Glück ist ja nicht so leicht greifbar, wie ein Fisch flutscht es durch die ausgestreckten Hände und lässt sich sowieso nur im Nachhinein erkennen.

Wenn man für jeden seiner zwölf Silvestervorsätze eine Weintraube in den Mund steckt, müsste doch was daraus werden. Oder man spuckt sie dem neuen Jahr in Gestalt eines fügsam verblüfften Zeitgenossen mitten ins Gesicht. Die Szene mit Verena Schonlau und Patric Schott, von der Franui-Version der leise flehenden Lieder begleitet, ist so poetisch und komisch wie jede traurige Seligkeit. Aber das Glück kann auch im kindlichen Spaß am Verkleiden bestehen, im Schwimmen oder Bücherlesen oder sogar im Richtig-mal-Unglücklichsein, in der Einsamkeit des großen Gefühls. All das wird gestreift, phantasiert und verrätselt, mal märchenhaft abgründig, mal hellwach und gemein.

„Du arbeitest und arbeitest, nur weil dir das Talent zum Glück fehlt“, heißt es einmal, und sofort fühlt man sich ertappt. Dies ist ein ernstes Stück, aber es gibt herrliche Momente von Freiheit und, ja, Glück: wenn jemand, ganz schnell und splitternackt in die Luft springt, als Brieftaube oder Adler, wenn am Ende alle wissen: „wahrscheinlich ist jeder genauso glücklich, wie er es sich vorgenommen hat“ oder, Dialektik ist alles, Thomas Bernhard variieren: „Er hatte Angst davor, seine Verzweiflung zu verlieren.“ Glück kann auch das Gegenteil sein.

„Wo du nicht bist“ ist ein kleines Wunderwerk aus Poesie und Trotz. Wenn Anne Paulicevich ihre komplette Familie auf einmal spielt oder Miyoko Urayama das Frühlingsritual des Sojabohnen-Werfens, wenn Christoph Glaubacker rumnölt „Also ehrlich, ich find’ das jetzt nicht mehr witzig“ und beleidigt ausführt, warum – dann gluckst das Publikum vor Freude. Alles bleibt in einer flirrenden Schwebe, ist voller Geheimnis und Scharfblick. Die Dimensionen des Abends (elf Musiker, acht Schauspieler) sprengen fast die Möglichkeiten einer freien Gruppe und sind mit gesteigerter Selbstausbeutung erkauft

Auch Oliver Proskes geometrisches Bühnenbild würde jeder Großbühne zur Ehre gereichen. Die Musiker steckt er in eine metallische Riesenbox, die aufgezogen wird wie eine Spieldose, auf- und niederfährt und sich am Schluss öffnet wie eine Auster, die ihre Perle freigibt. Ein großer Steg und ein Hügel wie ein Hüftschwung werden zur Spiellandschaft aus Glück und Schwefel, von Peter Meier in magisch buntes Licht getaucht. Wie all das auf die technisch weniger üppig ausgestatteten Sophiensäle übertragen werden soll, wo heute die Berliner Premiere stattfindet? Hümpel, Proske und ihre Helfer haben schon ganz andere Probleme gelöst.

Bis 16. August in den Sophiensälen.

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