Kultur : Schubert statt Schnecken

Deutscher Film 1: Hans Steinbichlers „Winterreise“

Kerstin Decker

Dies ist ein Film über die meistgefährdete Gruppe dieser Gesellschaft, den Mittelstand. Es ist ein Film über Franz Brenninger, Eisenwarenhändler, Aufbaugeneration. Aus eigener Kraft leben zu können, dieser Grundstolz des freien Menschen, bestimmt Brenningers Weltbild. Seine Welt zerfällt in A und Nicht-A, in die Arschlöcher und die anderen. Genau wie seine Post. Es gibt die Arschlochpost und die, die er liest. Die Arschlochpost besteht aus Rechnungen oder kommt von den großen Baumärkten, Obi zum Beispiel. Er ist dort nicht mehr gelistet. Aber von solchen Nieten lässt er sich nicht kleinkriegen. Er weiß, wer er ist, sonst wäre er nie er selbst geworden. Das hört man sogar im Kirchenchor. Die Stimme, die dort am lautesten, am innigsten auch singt, die gehört ihm. Franz Brenninger (Josef Bierbichler) kann sehr schön singen. Dies ist eine Schubertmesse und keine Schneckenmesse!, sagt er zu den Stimmloseren in der Gemeinde. „Winterreise“ ist Josef Bierbichlers Film. Er spielt diesen Mann mit einer Urkraft und Intensität, die doch nur andere Worte für Brenningers Selbstgerechtigkeit sind.

Nein, er lässt sich nicht davon erschrecken, dass sein Konto gesperrt ist. Jahrzehnte war er bei diesem Kreditinstitut - aber bitte, es gibt so viele andere. Der Mann ist ein Lebensbürger, er ist stark. Viel mehr weiß er nicht von sich, auch wenn er so gut Schubert singen kann. Und normalerweise hätte er die Offerte eines Geldgeschäfts mit Afrika zur A-Post in den Papierkorb fallen lassen. Aber jetzt, will ihm das Schicksal eine Chance geben?

Man kann keinem Menschen sagen, dass er pleite ist. Man kann einem Menschen überhaupt nichts Neues sagen. Man kann ihm nur sagen, was er schon weiß. Brenninger weiß das noch nicht. Zu ihm passt das Pleitesein nicht. Auch die Hürchen, bei denen er liegt, wissen schon viel über A-Unternehmen wie Obi. Zu Hause hat er eine Frau (duldend, durchschauend: Hanna Schygulla), die er liebt.

„Winterreise“ ist der zweite Film von Hans Steinbichler nach seinem gefeierten Debüt „Hierankl“. Ganz sacht, mit großen ruhigen Bildern lässt Steinbichler seinen Brenninger in eine Welt eintauchen, von deren Existenz er nicht viel wusste – in seine Innenwelt.

Es ist schon länger große Unordnung da drin. Einmal bringt er seiner Frau rote Rosen, das nächste Mal fragt er, warum sie noch immer Tanzkleider hat, sie kann doch gar nicht mehr tanzen, halbblind wie sie ist. Er hört auch nicht nur Schubert, nein, eigentlich lieber – Kopfhörer auf – diesen Kraftrock, bei dem er wieder weiß, dass Obi eine Null ist und er, Brenninger, der größte Brenninger weit und breit – wie er so dasteht, nackt im offenen Fenster seiner Villa. Aber dann begegnet ihm Schubert wieder, abends auf der verschneiten Straße auf „Bayern 4“. Und er singt mit seiner schönsten Kirchenchorstimme. Es ist die „Winterreise“.

Sibel Kekilli („Gegen die Wand“) hat eine kleine schöne Rolle. Das Mädchen aus dem Ort kann Englisch – Brenninger: Was, und Türkisch kann’st woahl auch? –, und er nimmt sie mit auf Geschäftsreise, weiter, als beide gedacht haben. Ein Film, der so wehtut wie es nur Selbsterkenntnis kann und doch in seinem ruhigen Fluss schön ist wie Schuberts „Winterreise“. Eine Reise auch auf die erdabgewandte Seite der Seele – wenn Bierbichler Schubert singt.

Filmkunst 66, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Passage

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