Kultur : Schuberts Bruder

Daniel Barenboim, der Rastlose, spielt in Wien sämtliche Beethoven-Klaviersonaten

Christine Lemke-Matwey

Das Klischee ist eines der verlogensten, aber es stimmt: Wien bleibt Wien. Wo alles Unverwechselbare andernorts längst zerbröselt und zerbröckelt ist, da hat sich die Donaustadt erfolgreich imprägniert, innerlich wie äußerlich, mit Schnitzel, Schmäh – und mit Musik: Nirgends laufen so viele Menschen mit Instrumentenkästen auf der Straße herum, nirgends sieht man so viele Besucher im Konzert, die Noten mitlesen oder, so es sich um Klavierliteratur handelt, ihre Oberschenkel mit Fingersätzen traktieren. Und nirgends stürmen die Touristen derart wild entschlossen die Opernhäuser und Konzertsäle.

Da der Tourist allerdings gerne Bleibendes nach Hause trägt, hat auch Daniel Barenboim ein bleibendes Problem. Der freundliche Herr vom Musikverein nämlich, der allabendlich das Podium betritt, mag noch so inständig darum bitten, während des Konzerts nicht zu fotografieren: Irgendwann passiert es garantiert. Dann kann sich wieder einer nicht beherrschen und blitzt dem Pianisten aus dem Parkett mitten ins Gesicht. Nach solchen Attacken, klagt Barenboim und reibt sich die Augen, sei er oft minutenlang blind. Eine seltsame und, wie es scheint, sehr Wienerische Metapher: Der Enthusiasmus, die Kunstwut des Publikums bedroht den Künstler in der Ausübung seiner Kunst. Ausgerechnet.

Ein bisschen freilich will dieses Paradox auch für das gesamte Unternehmen gelten: Daniel Barenboim spielt im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins an acht Abenden die 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven – und es ist durchaus nicht leicht, hier zwischen Klassikervollzug und Ereignis, zwischen der Gnade des Augenblicks und der Starre der Ewigkeit zu unterscheiden. Einerseits liegt das an den Ohren des 21. Jahrhunderts (und somit unweigerlich an den Ohren auch des Wiener Publikums), die seit Beethoven viel zu viel gehört und viel zu viel wieder vergessen haben, um das revolutionäre, ja förmlich anarchistische Potenzial dieser Sonaten je würdigen zu können.

Wer weiß denn noch, wer spürt denn schon am eigenen Leib, dass die B-Dur-Sonate op. 22 „sich gewaschen hat“, wie der Komponist selbst witzelte, ihrer epischen, schier unzumutbaren Längen wegen und weil hier selbst das Menuett mit der Menuett-Konvention nur mehr spielt, motivisch-harmonisch, um dieselbe und also sich selbst bei der nächstbesten Gelegenheit in die Luft zu sprengen? Und wer registriert denn, dass eine Sonate wie die in As-Dur op.26 ganz ohne die berüchtigte Sonatenhauptsatzform auskommt und welch freche Kühnheit dies anno 1800 bedeutet haben muss?

Gewiss, diese Fragen sind sehr allgemein und mögen getrost für jede Art von Klassik gelten. Bei Beethoven allerdings, den im wahrsten Wortsinn Fortschrittlichen, treffen sie ins Mark. Fazit: Je „dümmer“ wir werden, desto stärker verweigert sich der Titan – und desto alabasterner und stummer begegnet uns seine Musik. Im Wiener Musikverein jedenfalls geschieht dieser Tage auch nichts anderes als irgendsonst auf der Welt: Ovationen für die programmatischen Highlights, für die „Appassionata“ und die „Pathétique“, Achtungsapplaus für alles Kleinere, Kürzere, Frühere und Spätere. Wien bleibt Wien?

Andererseits ist da natürlich Daniel Barenboim, in dem Joachim Kaiser einst den „gesündesten“ unter den Pianisten seiner Generation ausmachte, außerdem einen „neugierigen Propheten“ und „naiven Evangelisten“. Dies ist lang her, und noch weiter zurück sogar reicht Barenboims Beethoven-Exegese. Als 17-Jähriger spielte er die 32 Sonaten zum ersten Mal ein, es folgten zwei weitere Gesamtaufnahmen, eine in den späten Sechzigerjahren, eine zu Beginn der Achtziger.

Nach Jahrzehnten der Enthaltsamkeit, nach Jahrzehnten, die vorrangig dem Dirigenten B. gehörten und Komponisten wie Wagner, Schönberg oder Elliott Carter, nun also der erneute Zugriff. Irgendwann habe es angefangen, in seinem Kopf wieder zu „kitzeln“, sagt Barenboim, und er habe herausfinden müssen, was Schönbergs Zwölftönerei, was das Wissen um den „Tristan“-Akkord eigentlich mit Beethoven mache.

Nun, vier Abende stehen noch aus, insofern mag es zu früh sein, die Frage zu beantworten. Nur so viel: Alles Fingerfertige, „Technische“ steht Barenboim nach wie vor untadelig zu Gebote (in den glitzernden Sturzbächen des „Appassionata“-Finales, im geradezu aberwitzig schnellen Presto desselben Satzes!), wenngleich die Balance bisweilen auch aus dem Tritt zu geraten scheint, ohne etwas sagen zu wollen. Was ihn jenseits eines möglichst organischen, emotionsgeladen „redenden“ und insofern sehr wohl quer zu unserer Zeit stehenden Beethoven-Bildes allerdings wirklich interessiert, sind die Farben, sind die immer wieder in dunkle und dunkelste Gefilde versinkenden Gesänge der langsamen Sätze. Frei von Manierismen sind diese Untersuchungen nicht. Beethoven, der Lyriker. Der Romantiker. Ein Bruder Schuberts. Wenn die Wiener klug sind, verstehen sie dies als Provokation.

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