Schuberts "Schöne Müllerin" : Staunen übers Sterben

Viril, doch zärtlich: Der Wagner-Tenor Jonas Kaufmann singt Schuberts „Schöne Müllerin“

Christine Lemke-Matwey

Das eigentliche Wunder ist vielleicht, dass diese Stimme weder sonderlich schön ist noch wirklich charakterstark – und dass man ihr trotzdem 20 Lieder lang gebannt lauscht. Weil man wissen will, wie es weitergeht mit Schuberts Müllerburschen, jenem „armen weißen Mann“, der liebt und träumt und nicht erhört wird und sich schließlich in den Mühlbach stürzt. Der Sog, den dieser Zyklus entfacht (zumal in der Originallage!), ist gewaltig: Die vielen offen-unoffenen Enden, diese Liedschlüsse, die nichts anderes provozieren, als dass weitergesungen wird, immer weiter und bis auf den Grund. Selten hat man das als so heftig empfunden wie in diesem Konzertmitschnitt vom Juli 2009.

Und natürlich will man auch wissen, wie er’s macht: Jonas Kaufmann, das aktuelle deutsche Tenorwunder, schwarze Locken, superfotogen und gerade 40 Jahr alt geworden. Lyrisch oder dramatisch? Mehr episch-distanziert à la Fischer-Dieskau oder mit knietiefer Identifikation? Als Kaufmann diesen Sommer in München sein „Lohengrin“-Debüt gab, hieß es lobend, er würde Wagner wie Schubert singen, endlich einer, der das wagt. Mit leisen Tönen und Mut zur romantischen Rhetorik statt des inzwischen üblichen Rampengebrülls, mit Sinn für Sprache. Singt Kaufmann Schubert nun wie Wagner?

Zunächst ist bemerkenswert, dass Kaufmann, der sich den Weg ins schwerere Fach mit Geduld und Fleiß erarbeitet hat (lange bevor die PR-Maschinistenen ihn als Braten rochen!), überhaupt Lieder singt. Ein Peter Anders konnte das, Wunderlich hat sich die Fähigkeit zum Spagat bewahrt, Schreier auf seine Art; René Kollo aber oder Peter Seiffert schon nicht mehr. Der Wagner-Gesang, er erfordert – hierin Kraftsportarten wie Gewichtheben oder Kugelstoßen vergleichbar – breitere, stämmigere Muskeln respektive Stimmbänder. Muskeln, die nicht mehr so flink reagieren, wenn es um Farben geht, um Nuancen, ein mehr ätherisches oder mehr anämisches Piano, um Übergänge, klingende Konsonanten, die Leichtigkeit an sich. Liedersingen dient also nicht zuletzt der persönlichen stimmlichen Hygiene.

Nein, Kaufmann singt Schubert nicht wie Wagner, dafür ist die „Müllerin“ in ihrer Anmutung schlicht zu lieblich, zu jung (Franz Schubert war 26, als er den Zyklus komponierte). Gerade in den schnellen, forschen Liedern aber – „Am Feierabend“, „Ungeduld“, „Mein!“ – profitiert Kaufmann sicher von seiner Opernbiografie: Indem er sich voller Inbrunst und als müsste er’s darstellen, ja spielen, in die Seelenqualen des liebend Leidenden, Hoffenden, Jubelnden stürzt. Da scheut er sich nicht vor so manchem gestemmten Forte und den leicht knödeligen, hauchigen Tendenzen in seiner Kehle. Sein viriles, eher baritonales Timbre verschafft ihm trotzdem die nötige Autorität.

Just diese Uneinheitlichkeit in der Tongebung aber macht Kaufmanns Interpretation sympathisch. Hier sagt einer, wie es ihm ums Herz ist, hier geht es nicht um Konzepte oder darum, singend alles „richtig“ zu machen und aus einem Guss anzufertigen (wie man es auf hohem Niveau bei Christoph Prégardien oder Christian Gerhaher erleben kann). Die Erregung, das Geworfensein zwischen „sie liebt mich“ und „sie liebt mich nicht“ ist bei Kaufmann immer real, total, immer absolut. Sein Müllerbursche weiß nicht um das bittere Ende, kennt keine Enttäuschung, weiß nur, was er fühlt. Und als der Jäger die Bühne betritt und die Müllerin mit ihrem „leichten losen kleinen Flattersinn“ um sich buhlen lässt, da ist es um ihn geschehen. Selbstmord im Affekt. Kein großes Transzendieren, selbst beim letzten Vers nicht („und der Himmel da droben, wie ist er so weit“). Eher Erschöpfung, eine ungekannte Mattigkeit, Staunen übers eigene Sterben.

Man mag diesen Ansatz etwas diesseitig finden – Kaufmanns Musikalität ist derart frappierend, dass man darüber wenig nachdenkt. Er deklamiert nahezu perfekt und phrasiert mit einer Natürlichkeit, dass einem alle Zweifel knöchern vorkommen und klein. Das heißt nicht, dass die „Schöne Müllerin“ nicht auch andere Dimensionen hätte, todessüchtigere, zweideutigere, intellektuellere, die hier fehlen. Andererseits hat das Ringen um letzte Worte schon so manchen Sänger die Stimme gekostet – und so manchen Pianisten das Musizieren.

Bei Helmut Deutsch merkt man tiefe Vertrautheit mit dem Notentext. Keine Strophe gleicht in seiner Begleitung der anderen, jeder Akzent hat etwas zu erzählen, und gleich im ersten Lied („Das Wandern ist des Müllers Lust“) tanzt das Kopfsteinpflaster, rattern die Mühlräder, rauschen Wipfel und Wasser, dass es eine Lust ist. Solche Lautmalereien allerdings bergen leicht die Gefahr der Überinterpretation, und Deutsch entgeht ihr nicht immer. Eine gewisse Aufdringlichkeit in der Artikulation ist die Folge, ein Druck, der sich gern in galoppierende Tempi entlädt („Der Jäger“).

Was bleibt, sind Lieder wie „Der Neugierige“, wo Kaufmann den Atem anhält, um die Frage aller Fragen, deren Antwort er längst kennt, nur ja nicht zu laut zu stellen, und Deutsch in schwellenden, kreisenden Rubati den Puls beisteuert. Oder „Trockene Blumen“: Als habe das Tränenwasser des Burschen alle Farben und alles Leben aus der Musik gewaschen. Allein die Phrase „Ihr Blümlein alle, wovon so nass?“, wie Kaufmann sie hier singt, ganz unprätentiös, mit einem „a“ in „nass“, so weiß und leer und doch zärtlich dabei, lohnt diese Aufnahme.

Sich solche Qualitäten allen Verlockungen und Fliehkräften des (Wagner-)Marktes zum Trotz weiter zu bewahren, ist wahrscheinlich eine Illusion. Jonas Kaufmann lässt uns ein paar Schubert-Lieder lang daran glauben, dass es gehen könnte.

„Die schöne Müllerin“, Jonas Kaufmann, Helmut Deutsch (Decca).

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