Kultur : Schubidu zur Apokalypse

REINER SCHWEINFURTH

Ein Großer hat den Multis die Zähne gezeigt, feiert seine Freiheit nun seit fast zwei Jahren, doch die große Hymne über die völlige Kontrolle der Produktionsmittel hat sich noch nicht eingestellt.Der Künstler, der früher unter dem Namen Prince bekannt war, ist zwar schöpferisch rastlos wie immer (in zwei Jahren vier Alben mit insgesamt neun CDs) - nur der Versuch, über Internet den Vertrieb seiner Werke zu organisieren, mißlang.Die Subskription für das Monsterepos "Crystal Ball" beispielsweise begann im Juni 1997, die ersten Exemplare erreichten die Fans im Mai dieses Jahres.Entsprechend vorsichtig verhält sich Prince bei seiner weihnächtlichen Minitour durch Deutschland.Weil das neue Material sich im Marketingdschungel noch nicht durchgesetzt hat, die alte Plattenfirma den Streit zum Verkauf der alten Hits gut genutzt hat, zelebriert der Star aus Minneapolis in der Frankfurter Festhalle eben das Bekannteste aus seinem mittlerweile über zwanzigjährigen Schaffen.

Mit Konsequenzen für die Show, die den aktuellen Studioarbeiten hinterherhinkt.Der Zwiespalt ist unübersichtlich: einerseits will der Künstler den Erfolg der Vergangenheit nicht preisgeben, andererseits zwingt ihn der Ausstoß an neuen Stücken zu einer gewandelten Präsentation, der er jedoch (noch?) nicht entsprechend nachgeben will.Effekt: eine konfuse Dramaturgie des Abends mit einem Protagonisten, der sich abrackert und nur wenige Momente kreiert, in denen die inspirierende Vitalität über die Show-Mechanik siegt.

Die höchstens zu zwei Drittel gefüllte Halle muß vor dem Auftritt des Funk-Genius zunächst einmal fast eine Stunde lang dessen neuen Guru Larry Kramer zur Kenntnis nehmen.Der Bassist knattert auf seinem Instrument bieder verblichene Riffs herunter, die mit einer Woodstock-Reminiszenz den angestrebten Höhepunkt exakt verpassen."Wanna take you higher" endet als flügellahme Anbiederung.Selbst ein kurzes Intermezzo seines Schülers und ein Bad in der Menge helfen nicht viel.Das eifrige Vorzeigen seiner neuen, von Prince produzierten CD zeigt überdies, daß beim New Power Festival kein ehrenvolles Independent-Unternehmen auftritt, sondern ganz normale kapitalistische Gesellschafter.

Larry Kramer ist bekennender Zeuge Jehovas und mit deren Religion seit einiger Zeit ein Ratgeber für Prince.Der hat sich zwar noch nicht taufen lassen, zeigt aber in seiner Show, daß er gut zugehört hat.Wie bei den Zeugen üblich, dräut die Apokalypse mit aktuellem Datum.1999 soll es soweit sein.Prince arbeitet an einer Wiederaufnahme seines gleichnamigen Albums und stimmt die Gemeinde auf die Möglichkeit ein, daß er das Ende der Geschichte vertonen wird.Man müsse bei allem mißtrauisch sein, was sich mit dem Kreuz-Symbol versehe.In Interviews rät er dazu, keine heidnischen Feiertage wie Weihnachten oder Pfingsten zu feiern.Mit zunehmendem Eifer, das Konzertpublikum für solche Ansprachen in Haft zu nehmen, schwindet die Tanzlust bedenklich.Das merkt er natürlich auch.Und so gibt es nach der Predigt ein gemeinsames Schubidu auf der Bühne.

Was er früher nie gemacht hat, was Teil seiner Aura war: die von ihm inszenierte Distanz zur Masse wird aufgehoben.Er lädt etwa zwanzig Menschen ein, auf die Bühne zu kommen und zu tanzen.Die Transzendenz des Stars schnurrt zur uncoolen Kumpelmasche zusammen.Zwar gibt sich Prince im letzten Drittel seiner Show wieder narzißtisch, führt sein erotisches Gestenrepertoire vor, turnt unter zwei überdimensionierten Frauenbeinen im Lasergewitter zu den Hits von "Purple Rain" bis "I die for you" und "If I were your girlfriend", doch die Atmosphäre bleibt steril und sogar ein bißchen verkrampft.Da hilft auch seine Band "The New Power Generation" nicht viel.

Candy Dulfer darf ein Bustier zeigen und ihr Saxophon jaulen lassen, aber das Publikum wandert schon vorher ab.Unglaublich bei einer Prince-Show, bei einem Musiker, der seine legendären Clubauftritte zu stundenlangen Jam-Sessions ausdehnt und mit seinem Talent auch schon Fußballstadien zum Schwingen brachte.Er arbeitet, bemüht sich, die Leute davon zu überzeugen, daß sich seit seiner Zwangspause nichts verändert hat.Die Aura gewinnt zwischendurch immer wieder ihre Strahlkraft zurück.Aber das Konzept ist veraltet und sein Status mittlerweile eben ein anderer als vor der Auseinandersetzung mit den Aufsichtsräten.Die Hallen müssen erst mal wieder kleiner werden, die Band stärker einbezogen und das Risiko größer.Es wird auch darauf ankommen ob es dem Künstler, der immer noch Prince ist, gelingt, musikalische Projekte zu realisieren, zu denen er Björk oder Busta Rymes hinzuziehen will.Auch die choreographischen Ambitionen seiner Ehefrau Mayte könnten auf der Bühne fruchtbar werden.Die Lebensleistung, schwarze Grooves mit weißem Breitwand-Rock versöhnt, in der Nachfolge von James Brown Sex und Ironie zu einer hochklassigen Paarung vereint zu haben, bleibt trotzdem gegenwartstauglich.

Auftritte auf Veteranenversammlungen hat Prince nicht nötig.In seinen Kämpfen mit der Industrie hat er das Selbstbewußtsein nicht nur der schwarzen Musiker gestärkt.Er hat damit eine Entwicklung vorangetrieben, die das Urheberrecht wieder stärker an die Künstler bindet.Er schreibt Stücke für die Behindertenband "Van Gogh" und bleibt bei allen Außenaktivitäten ein Pop-Komponist, der über alle Stilarten souverän verfügen kann.Bei den alten Hits fällt dies immer wieder auf.Wenn er so weitermachen will, wie er sich in Frankfurt zeigte, muß er wieder in die Charts, muß er wieder auf die Unterstützung einer großen Plattenfirma vertrauen.Das will er aber nicht und scheint doch nicht dran vorbeizukommen.Irgendwann wird ihm dieser double bind so auf die Nerven gehen, daß er sich auch live davon befreit.Auf diese Konzerte darf man gespannt sein.

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