Kultur : Schüchterner Tänzer

KLASSIK

Ulrich Amling

Anatol Ugorski hat seinen Flügel ganz weit weg schieben lassen, weg vom glitzernden Rausch imaginärer Ballsäle, weg vom grellen Scheinwerferlicht der Konzertpodien und der hitzig erotischen Atmosphäre der Salons. Mit seinem Chopin-Abend im Kammermusiksaal versucht der Pianist aus dem Bannkreis der Erwartungen auszubrechen, indem er sich in die Tiefe eines dunklen Raums zurückzieht, aus dem nur ab und an das glutrote Flackern des Kamins zu dringen scheint. Aus dieser selbst geschaffenen Höhle sendet Ugorski sieben Polonaisen aus, teils unbekannte Jugendwerke Chopins. Klatschen hat er sich verbeten.

Immer wieder die Suche nach einem Anfang: Die Polonaise, ursprünglich ein Schreittanz, markant, ritterlich, drängt zum Auftritt vor Publikum. Doch alle Aufschwünge zerrinnen unter Ugorskis Fingern, wirken nur pflichtschuldig ausgeführt, unwillig einem äußeren Zwang gehorchend. So sehr er auch jedes Stück in ein eigenes Anschlagsuniverum zu versetzen suchte, der Polonaisen-Folge fehlte das Gravitationszentrum.

Seine ganz Klasse zeigte Ugorski dagegen gleich nach der Pause: Die vier Mazurken op. 17 verströmten sich ganz ins Fantastische, der Pianist spürte jeder Nuance einer blauen Stunde auf – ein geduldiger Meister des Ziellosen, ein Eingeweihter in die zarten Mysterien der Melancholie. Dass sich an diese Kostbarkeit noch so ausgesprochene Paradenummern wie die blendende Polonaise op. 53 anschlossen, war fast schmerzlich. Auch Anatol Ugorski mag das gefühlt haben, seine Gegenwart im musikalischen Jubel wirkte wieder flüchtig.

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