Kultur : Schüsse, Stürze, Schlangenbisse Valérie Favres suizidale Stillleben-Schau

im Neuen Berliner Kunstverein.

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Memento mori. „Still/leben (De la fragilit é des fleurs n°5)“. Foto: NBK/Hans Georg Gaul
Memento mori. „Still/leben (De la fragilit é des fleurs n°5)“. Foto: NBK/Hans Georg Gaul

Nicht alle Bilder, die ein Künstler malt, gelingen so, dass sie ausstellungswürdig sind. Aber wer thematisiert das schon? Valérie Favre hat in der Vorbereitungszeit zu ihrer aktuellen Schau „Selbstmord. Suicide“ im Neuen Berliner Kunstverein (NBK) jeden Tag ein Stillleben einer Blumenvase gemalt und dazu genau notiert, wie groß das jeweilige Format ist, welche Blüten zu sehen sind (Narzissen, Tulpen, Anemonen und Lilie) und ob sie Graphit oder Ölfarbe verwendet hat. Über manche dieser Notizen hat sie ein dickes „Change“ gestempelt. Das sind jene Bilder, die ihrem eigenen kritischen Blick nicht standgehalten haben, sie hat sie ausgetauscht. Valérie Favre, gefragte Professorin an der Berliner Universität der Künste und im vergangenen Jahr nominiert für den Prix Marcel Duchamp, stellt ihr eigenes Hadern aus. „Ich bin kein Genie“, sagt sie, „ich bin eine Arbeiterin.“ Ist das kokett?

Nein. Die 1959 im schweizerischen Evilard geborene Künstlerin setzt sich mit ihrem Genre auseinander. Sie fragt sich, was gute Malerei wohl sein mag, schreibt ihre Gedanken in einem Tagebuch nieder. Eine Seite liegt aufgeschlagen in einer Vitrine, es ist der 10. März 2013, und die Künstlerin hält fest, sie habe an diesem Tag große Schwierigkeiten, mit dem Malen anzufangen. Einfacher umzusetzen muss jene Aufgabe gewesen sein, die sie sich ebenfalls selbst gestellt hat bis zur Vernissage. Täglich hat sie blaue Pinselstriche auf eine große Leinwand gesetzt, jeden Tag einen mehr. So entstand ein fließender Farbverlauf, dunkel am Anfang, hell am Ende der Laufzeit. Malerei als Sinnbild verstreichender Tage. Das hat etwas Universelles, ist aber gleichzeitig ganz schön profan.

Dazu passt die zweite im NBK präsentierte Werkgruppe: ein Zyklus über den Selbstmord. Auf den ersten Blick ist das verstörend unerschrocken, wie Favré harmlos florale Arrangements mit einem Tabuthema kombiniert. Doch Stillleben mit verblühten Blumen galten lange als mahnendes Todessymbol, als Memento mori. 129 kleinformatige Tafeln hängen an den fahl reflektierenden, gelb gestrichenen Wänden. Seit 2003 hat Valérie Favre die unterschiedlichsten Varianten des Freitods in wenigen Strichen skizziert: Erhängen, Ertränken, Erschießen, Schlangenbisse, Stürze vom Theaterbalkon, Autocrashs. Prominente sind darunter wie Ulrike Meinhof oder Jürgen Möllemann, mythische Figuren der Kunstgeschichte wie Lucretia, gemalt von Lucas Cranach dem Älteren. Fast enzyklopädisch wirkt diese Sammlung, auf alle Fälle nüchtern, lakonisch.

Zu diesem Eindruck trägt bei, dass die Malerin kein einziges Mal zur Farbe Rot gegriffen hat. Alles ist in Gelb, Grün-Grau und Schwarz gehalten, viele Bilder wirken wie die Schatten ihrer selbst, seltsam entrückt. Trotzdem fehlt diesen Suizid-Darstellungen jede Überhöhung. So wie die Schweizerin an ihrem eigenen Künstler-Thron wackelt, so lässt sie nicht zu, dass der Selbstmord ein letzter Akt der Selbstinszenierung wird. Anna Pataczek

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestr. 128/129. Bis 28.7., Di-So 12-18 Uhr, Do 12-20 Uhr

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