Kultur : Schüsse vom Schnürboden

Oscar Wildes „Bunbury“ am Deutschen Theater

Christine Wahl

Am Ende, wenn Barbara Schnitzler als trockenhumorige Salon-Lady Bracknell die wahren Identitäten aufdeckt in Oscar Wildes Verwirrungskomödie „Bunbury“, müssen sich die Schauspieler fast absturzgefährdet an der Rampe drängeln. Hinter ihnen nimmt nämlich bereits ein Dutzend Bühnenarbeiter das Szenario auseinander. Ein roter Kitschvorhang wird eingerollt, eine Gardinenstange zerlegt, und der wunderliche Hügel, der eine Stunde zuvor pilzartig aus dem Boden geschossen war, als schnöde mechanische Konstruktion entlarvt.

Bemerkenswert ist dieses Desillusionierungsfinale vor allem, weil es eigentlich gar nichts mehr zu desillusionieren gibt in Bettina Bruiniers Inszenierung mit dem Untertitel „Ernst ist das Leben“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin. Seine Pappmaché-Tür als Einfallstor in die halbseidenen Wirrnisse – Hauptrequisit einer jeden Boulevardkomödie – musste sich hier jeder Schauspieler selbst aus der Requisitenkammer mitbringen. Und was sonst noch an Ausstattungsgegenständen (Bühne: Claudia Rohner) benötigt wurde – beispielsweise künstliche Laubbäume oder kleines Pelzgetier – schoss der Butler Lane (Peter Beck mit Jagdgewehr, Gummistiefeln und Blondhaarperücke) ohne falschen Bühnenzauber kurzerhand vom Schnürboden.

Es handelt sich also um eine dreifach augenzwinkernde Fehlfährte, wenn das Programmheft etwa Douglas Coupland zitiert: „Sich immer wieder neu erfinden. Am besten jedes Jahr einmal. Glauben Sie mir: Das hilft.“ Denn die Dandys Algernon Moncrieff und John Worthing, die der klamme Wilde vor hundertzwölf Jahren zum Geldverdienen aufs Papier warf, haben sich hier in punkto (Selbst-)Erfindungsreichtum derart aufgebraucht, dass ihnen wahrscheinlich gar nicht mehr zu helfen ist. Ganze drei pompöse Kitschvorhänge müssen zu Beginn hochgehen, bevor wir auf der leeren Bühne endlich Algernons ansichtig werden. Anno 2006 erfindet sich der erfindungsmüde junge Mann (Thomas Schmidt) nicht als Dandy, sondern als zeitlos näselnden Unsympathen vom Format eines schlecht gelaunten Fünfjährigen, dem man gerade seinen Lieblingsteddy weggenommen hat.

Wenn er seinem Kumpel John Worthing (Bernd Stempel als routiniert tollpatschige Buchhalter-Attrappe) von seinem erfundenen Freund Bunbury erzählt, hopst er wie die Karikatur eines auf Schlaftabletten gesetzten Hasen durch die Salontür, intoniert so albern wie möglich die Vokabel „Bunbury“ und schaut dabei so verquer er kann ins Publikum. Eine Strategie, derer man sich übrigens generell nicht ungern bedient in dieser Aufführung, die auf einer entstaubten deutschen Textfassung Elfriede Jelineks basiert.

Die junge Regisseurin, die vor eineinhalb Jahren mit Tennessee Williams’ „Glasmenagerie“ ihr hochgelobtes Regiedebüt am DT gab, wollte die wortwitzige Salonklamotte offenbar zeitgemäß ironisieren, ohne sie vollends zu denunzieren; sich über sie lustig machen und dabei gleichzeitig ohne Hochverratsverdacht an Wilde selbst lustig sein. So verständlich der Wille zu solch einem Balanceakt ist: In der Praxis ging er leider schief, weil er in schlichte, laut tönende Unentschiedenheit abdriftete.

Wieder am 4. und 7. Mai, 20 Uhr

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