Kultur : Schuften für die Jungs

Frust der Hausfrau: „A casa de Alice“ im PANORAMA

Daniela Sannwald

Alice frühstückt, ihre Mutter fegt den Balkon, die drei großen Söhne schlafen noch, und dann klingelt die junge Nachbarin an der Tür und möchte Rat in Liebesdingen: Sie sei verliebt in einen verheirateten Mann. Alice weiß Rat; sie gibt der Nachbarin ein Parfüm, dem angeblich kein Mann widerstehen könne. Sie solle es auflegen und den Geliebten damit für alle Zeiten verzaubern. Bis hier hört sich das wie eine Komödie an. Alice weiß nicht, dass es ihr eigener Ehegatte ist, um den es geht.

In ihrem Haushalt gibt es zu viele Männer, klagt sie. Und tatsächlich scheinen die großen, ungehobelten Söhne jeden Quadratzentimeter Platz in der ohnehin kleinen Wohnung zu belegen und zu besetzen, und wenn ihr Vater, ein Taxifahrer, von seinen Schichten nach Hause kommt, benimmt er sich wie ein viertes Kind. Alice glaubt, eine Ausbruchsmöglichkeit gefunden zu haben, als sie nach Jahren einem alten Schulfreund wieder begegnet.

Der Brasilianer Chico Teixeira hat bisher als Dokumentarist gearbeitet, und das merkt man seinem ersten Spielfilm an: Er ist interessiert am Alltag mit seinen Routinen, am Verhalten Einzelner innerhalb und außerhalb von Gruppen, an Ritualen, Regeln, Protokollen. Teixeira demonstriert, dass Details eine Figur deutlicher charakterisieren als große Gesten: Wenn Alice den von ihren Söhnen vollgepinkelten Klorand abwischt, wenn die Jungen mit offenem Mund vor dem Fernseher einschlafen, wenn die Großmutter die beim Wäschesortieren gefundene Brieftasche ihres Schwiegersohns auf- und – beim Anblick des Fotos seiner Geliebten – gleich wieder zuklappt.

Eine hektische Kamera folgt Alice auf ihren Wegen; sie vermittelt deren innere Unruhe, die im Gegensatz zu dem eher gemächlichen Tempo steht, das auf São Paulos Straßen zu herrschen scheint. Überraschend verharrt die Kamera plötzlich auf den vielen Händen an der Haltestange im Bus – weiße, gelbe, braune, schwarze – oder auf einer Gruppe von Dominospielern in einem Straßencafé, en passant bekommt man auch einen Eindruck von Alices Chef im Schönheitssalon, obwohl er kaum eine Dialogzeile hat. Gerade wegen dieser beiläufigen Beobachtungen, der staunenden oder überraschten Blicke auf Uninszeniertes, der plötzlich abschweifenden Kamera kann man „A casa de Alice“ als kleine Entdeckung des Festivals betrachten.

Heute 17.30 (Cinestar 3), 14.2., 20 Uhr (Cinemaxx 7), 15.2., 22.45 Uhr (Cinestar 3), 16.2., 22.30 Uhr (Cubix 7 + 8)

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