Kultur : Schuften im Sommerdunst

Spaßrock, handgemacht: die Red Hot Chili Peppers in Berlin

Gregor Dotzauer

Beginnen könnte es mit der Explosion, die sie auf die Bühne wirbelt. Von null auf Supermucke in drei Sekunden und erst zwei Stunden später wieder runterkommen: Bei den Red Hot Chili Peppers ist alles eine Frage der Energie. Musik spielt dabei zwar die wichtigste Rolle, aber sie wäre entschieden weniger ohne die entsprechende Animationsakrobatik für die johlende Menge auf dem Rasen der Wuhlheide.

Und so rattert und knattert Michael „Flea“ Balzarys Bass, was der rechte Slapper-Daumen aushält. John Frusciantes Gitarre schreit nach Leibeskräften. Chad Smiths Schlagzeug wird von einem Donnergrollen nach dem anderen überrollt, immer schön aus den Handgelenken heraus, bis die Oberarme ansetzen zum nächsten großen schweren Schlag, und Anthony Kiedis singt an gegen das Instrumentalgewitter. Doch womöglich würde man das nicht annähernd so empfinden, wenn die vier aus Los Angeles nicht alle mit Gummigelenken, um 360 Grad schwenkbaren Halswirbeln und unkaputtbaren Bandscheiben ausgestattet wären, die ihnen jeden Drehwurm und Veitstanz erlauben.

So könnte es beginnen, wenn es nicht lohnen würde, sich ein Stück weiter weg zu bewegen, weg vom menschlichen Fließband, das Crowdsurfer-Käfer um Crowdsurfer-Käfer auf dem Rücken liegend und auf Händen getragen nach vorne befördert, wo sie dem Cordon der Sicherheitsleute in die Arme kippen: Abgang nach links, und zwar bitte schnell. Weg von den Publikumschören, die auch schon die Lieder der jüngsten Doppel-CD „Stadium Arcadium“ textsicher mitsingen, weg von den La-Ola-Wellen, die schon vor Beginn des Konzerts über die Tribünen rollen, an einen Ort, wo alles für einen Moment noch sehr viel stiller zugeht, zu John Frusciante, der im Wohnzimmer mit seiner akustischen Gitarre dasitzt und jedes Stück, das im Studio und auf der Bühne durch Verstärker und Effektgeräte gejagt wird, aufs Akkordgerüst verknappt vor sich hinklampft.

Wie das klingen könnte, hat er auf seiner Website (www.johnfriuscante.com) mit den Demo-Aufnahmen zu seinem Soloalbum „Songs of Shadows“ aufs Schönste demonstriert. So nackt und trotzdem mit allen einprägsamen Refrains und Riffs sollte man auch jeden Chili-Peppers-Song einmal hören – als Essenz, bevor er Stadionrock geworden ist. Denn worin immer einst das Wagnis ihres Crossovers von Metal, Funk, Hiphop und klassischem Rock bestanden haben mag, es ist dem breiten Publikum längst zur zweiten Natur geworden.

Die Red Hot Chili Peppers machen heute im guten wie im schlechten Sinne Konsensmusik: gut, weil es nicht viele Bands gibt, die so selbstverständlich gleich mehrere Generationen von Hörern für sich einnehmen – was auch daran liegt, dass die Chili Peppers seit zwanzig Jahren mit handgemachtem Krach- und Spaßrock im Geschäft sind und auch als Vierzigjährige noch gegen so manche Nu-Metal-Blase anstinken können. Schlecht, weil sie ihre Kondition und Professionalität nur noch in die Reproduktion des nötigen Live-Drucks (und der eigenen Marke) investieren.

Die schiere Größe ihrer Spielorte scheint sie zu Best-of-Programmen zu zwingen, in denen von „Give It Away“ über „Californication“ bis zur jüngsten Single „Can’t Stop“ alles einmal über die Rampe gewuchtet wird, was den Leuten die Arme spätestens nach den ersten beiden Wiedererkennungstakten in die Höhe reißt. Die traditionelle Jam am Ende des Konzerts erfüllt da auch nur brav die Erwartungen an jene Spontaneität, die dem Rest fehlt.

Aber sie schuften ausdauernd und fröhlich, und ihr Vorarbeiter ist zweifellos Flea, der Floh. Mit nichts bekleidet als Turnschuhen und einer weißen Unterhose fegt er über die Bühne und den Catwalk davor, springt mit dem umgehängten Bass in den Graben – und lässt sich dabei wie die drei anderen von Kameramännern filmen, die sein Bild auf die Leinwand im Hintergrund projizieren. Geht in die Knie, den Bass gefährlich nah über dem Boden, fertig zum Spagat, der dann auf sich warten lässt.

Der rasierte Schädel ruckelt vor und zurück, Tauben würden sich so bewegen oder Schlangen, vielleicht handelt es sich auch um ein Fabeltier, aber da steht er schon wieder im Schweiße seines stroboskoperleuchteten Angesichts und schickt staubige Töne in den Sommerdunst.

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