Kultur : Schuld und Bühne

FRANK ROTHE

Die Zeitreise beginnt.Schwere bordeauxfarbene Samtvorhänge über den Fenstern.Stuck an der Decke.Kerzenlicht auf den Tischen.Chansons aus den Lautsprechern.Ein Biedermeiersofa an der Wand.Holztische und Parkett.Der Tresenmann adrett und aufmerksam.Sprachfetzen in der Luft.Schwerer Zigarettenrauch unter der Decke.Dunkle Weine.Ein Club.Leben.Ein neues mit dem Hauch von Gestern.Die 20er Jahre sind auferstanden.In Kopie und auf neue Weise echt.

Wenn Marina Lehmann vor etwas Angst hat, dann sind es die Touristen.Schon einmal haben sie ihr Konzept über den Haufen geworfen.Das war Anfang der Neunziger, als sie im Prenzlauer Berg das "Pasternak" als Literaturcafé eröffnete."Es war bald so voll wie ein Bahnhof, und die Literatur ging im Gedränge unter", sagt sie.Jetzt soll alles anders werden.An der von hohen Bäumen verdeckten Seite des Kollwitzplatzes, in der Knaackstraße 43, beherbergt Marina Lehmann seit März diesen Jahres das erste "Russische Kammertheater" mit fester Schauspielerbesetzung.Eine Bühne, deren Vorhang sich erst zwischen zehn und elf Uhr abends hebt.

Seit 1980 lebt die gebürtige Moskauerin in Berlin.Die Heirat mit einem Jurastudenten aus der DDR hat sie damals in den Osten der Stadt katapultiert.1986 trennte sie sich von ihm."Die typisch deutsche Sitte - vor dem Fernseher sitzen und Bier trinken, hat mich gestört." Seitdem lebt Marina Lehmann allein und würde am liebsten wieder ihren Mädchennammen Volodina tragen.Doch der Behördenkram zur Namensänderung überfordert sie.So heißt sie offiziell weiter Lehmann, nur auf den Theaterprospekten nennt sie sich Volodina.

Selbständigkeit war für sie schon immer wichtig.Mitte der 80er Jahre griff sie auf ihr Moskauer Mode-Studium und die Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit dem russischen Designer Slava Saizew zurück.Marina Lehmann begründete ihr eigenes Geschäft.Nur drei Stunden pro Woche hatte ihr Ost-Berliner Laden "Pepita-Moden" geöffnet.Es war ausreichend.Den Rest der Zeit saß sie an der Nähmaschine.Aus allen Teilen des Landes kamen die Kunden und ließen sich von ihr Einzelstücke auf den Körper schneidern.Irgendwann kurz vor dem Mauerfall saß sie an ihrer Nähmaschine und dachte nach - es muß etwas passieren, sich etwas verändern.

Kurz darauf kam die Wende.Dann kam das "Pasternak", die Touristen und jetzt das Kammertheater.Vor der Eröffnung schauten noch die deutschen Behörden vorbei.Sie fanden, daß der Abstand zwischen Klo und Waschbecken auf der Behindertentoilette nicht den Vorschriften entspreche.Als dann alles normgerecht abgenommen worden war, hob sich der Vorhang in dem kleinen Theater.Die Premierenvorstellung "Im Irrgarten der russischen Seele" war vielleicht so etwas wie eine Antwort auf die Norm-Vorschriften der deutschen Behörden.Das Stück greift das Problem der Emigration auf, den Schritt aus der russischen Heimat in die neue große Freiheit, die schnell zur Illusion werden kann.

Derzeit läuft "Schuld ohne Sühne", ein Ballett-Spektakel, das die Lebensgeschichte des Schriftstellers Daniil Charms erzählt - ein Intellektuellen-Schicksal im Rußland der 30er Jahre unter der Regie von Alexander Myznikov.Auf der etwas mehr als zehn Quadratmeter großen Bühne entsteht in über einer Stunde ein vollwertiges Stück.Myznikov kommt in seinen Stücken ohne Kotzen, Spucken und Verbalsex aus und setzt damit einen Gegentrend zur derzeitigen Berliner Theaterkultur, deren Zentrifugalkräfte gelegentlich eher aus Vergewaltigung und Chaos bestehen.

Im "Russischen Kammertheater" wird salonfähiges Theater aufgeführt.Stücke, die einen Anfang und ein Ende haben.Ein Theater, das anregend und nicht abstoßend wirkt, weil es nicht auf das Erschrecken des Publikums setzt, sondern die feinen Sinne anspricht.Die Texte variieren zwischen deutscher und russischer Sprache - und bleiben dabei doch verständlich.Mittlerweile ist die kleine Bühne in der zerklüfteten russischen Theaterszene Berlins Anlaufpunkt für Regisseure und Schauspieler.

Da kaum mehr als 30 Zuschauer in den Vorstellungsraum hineinpassen, gibt es keine Barriere zwischen Publikum und Bühne.Das "Russische Kammertheater" strahlt den Charme einer privaten Vorstellung aus.Anschließend können sich die Zuschauer problemlos im caféähnlichen Clubraum kennenlernen, das Stück zerfetzen oder loben.Den Schauspielern in die Augen schauen, etwas Russisch dazulernen und Wodka trinken.Was die Reaktion der Touristen und ihre Fähigkeiten betrifft, sich in die Tiefen der russischen Seele hineinzufinden, wird sich zeigen."Die meisten von ihnen wollen doch nur trinken.Ich glaube nicht, daß viele von ihnen überhaupt den Briefwechsel zwischen Marina Swetajewa und Boris Pasternak kennen", sagt Marina Lehmann.15 000 Mark kostet der monatliche Theaterbetrieb.Falls es zu einer Senatsförderung kommt, ist der Anfang eines aktiven kulturellen russischen Lebens in Berlin gesichert.Ansonsten erlischt es, bevor es überhaupt richtig brennt.

Heute Nachtvorstellung von "Schuld ohne Sühne", 23 Uhr.Kartenbestellungen ab 18 Uhr unter Telefon 44 00 85-95(96)

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