Kultur : Schuld und Scheitern

Hartmut Krug

Ein Familienfilm flackert auf einer Wand, vor der sich Vater, Mutter und Tochter auf ein Sofa geflüchtet haben. Sie sehen einen Rückblick mit Folgen. Während liebevoll alberner Spiele zwischen Vater und Tochter ertönt ein Anrufbeantworter, auf dem die erwachsene Tochter ihren Vater als "Kinderficker" beschimpft.

Arnold Wesker arbeitet mit Vor-, Rück- und Zwischenschritten, er umkreist sein Thema aus allen Richtungen. Es geht um Inzest und Kindsmissbrauch. Zeigte der Dogma-Film "Das Fest" die Aufdeckung eines Inzests und das Aufbrechen der familiären Schweigemauer, so untersucht Wesker (nach authentischer Vorlage) den Fall einer jungen Frau, die mit Hilfe einer Therapeutin als Ursache für ihr gescheitertes Leben einen väterlichen Missbrauch (er)findet.

Die 30-jährige Jenny hat immer funktioniert wie ein Uhrwerk. Sie ist Mutter zweier Kinder, war glücklich verheiratet und beruflich erfolgreich, indem sie Versicherungen "gegen alle Ängste" verkaufte. Nun steht sie vor einem Scherbenhaufen. Ihre Ehe ist kaputt, der Job futsch, der Wunsch nach Begehren und Liebe endet im Sex mit wechselnden Partnern.

Eine Frau voller Wut, Selbsthass und Depressionen, ohne jedes Selbstbewusstsein. Jenny, die sich in Ess- und Sexsucht flüchtet, trifft auf eine Therapeutin, die ihr alle Verantwortung abnimmt. Denn sie lässt nur eine Diagnose gelten: frühkindliche Vergewaltigung. Da hilft es wenig, dass die junge Frau sich wehrt: "Es stimmt nicht, es ist nie geschehen. Ich habe keine Brüder." Denn an ihren Vater kann sie nicht denken. Doch dann wird die Blockade aufgehoben ...

Ob solche "Erinnerungen" Fiktion oder Fakt sind, ist umstritten. Dass parallel zur Entdeckung frühkindlicher Vergewaltigungen ein Problem von eingebildeten oder therapeutisch eingeredeten Vergewaltigungen existiert, ist allerdings unumstritten.

Der 69-jährige Arnold Wesker gehört zur politisch engagierten Väter-Generation der heutigen "Shoppen-und-Ficken"-Kinder. Er wurde vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren mit sozialkritischen Stücken wie "Die Küche" berühmt und hat mit dem "Centre 42" zehn Jahre lang ein Arbeiterkulturprojekt geleitet. "Blockade" besitzt alle Qualitäten und alle Schwächen eines "well made play": übersichtliche Handlung, klare Figuren, deutliche Erklärungen. In Mainz hat man das umfängliche, psychologisch-realistische Stück auf eineinhalb durchaus spannende Stunden komprimiert und es seiner Didaktik etwas beraubt. (Leider wurde die Rolle des ehemaligen KZ-Häftlings, dessen Erfahrungen in peinlicher Weise als Parallele und Kontrast herhalten müssen, nicht herausgestrichen.)

Die Bühne als Diskussionsraum für Emotionen. Zwischen Sofa, Tisch und zwei Stühlen treffen sie aufeinander: die Eltern des Opfers, die aggressiv verzweifelte Jenny (Stefani Kampe mit zugleich gebändigter wie heftiger Emotionalität), die auf Kindsmissbrauch spezialisierte kritische Journalistin (auf witzige Weise so engagiert wie grob: Margit Schulte-Tigges), die schnippisch verzweifelte jüngere Schwester (Solveig Krebs) und die insistierend milde Therapeutin (von Andrea Quirbach nicht bösartig, sondern zielstrebig machtbewusst gegeben).

"Wollen wir darüber reden?" Reden ist hier Kampf um Macht, und das Opfer bleibt Opfer. Am Schluss ein Scherbenhaufen: Zwar scheint die bürgerliche Existenz der Eltern zerstört (immerhin haben Vater und Mutter wieder zueinander gefunden), Tochter Jenny aber verzweifelt nach einem letzten Treffen mit ihren Eltern, zerstört durch Wille und Wahn, Wunsch und Wut, Liebe und Hass.

Wesker hat kein Aufklärungsstück gegen falsche Therapeuten geschrieben, sondern er untersucht Machtverhältnisse und Abhängigkeiten zwischen Menschen. Regisseur Rüdiger Burbach, der einst auch an der Berliner Baracke inszenierte, vermag zwar den Darstellern der Eltern ihr klischiertes Einfühlungspathos nicht zu nehmen, bringt aber den Abend durch individualisierende Schärfung der anderen Figuren zu ansprechender theatralischer Beweglichkeit.

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