Kultur : Schuld und Sühne

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Christina Tilmann über die Diskussionen um die Sammlung Flick

Die Wortwahl war drastisch: Von „Blutgeld“, „Ablassgeschäften“, „Kompensationen“ sprachen die einen, von „Sippenhaft“, und „Straftribunal“ die anderen. Harte, unversöhnliche Worte. Worte biblischer Verdammung und Erinnerungen an den Nationalsozialismus prägten die Debatte. Zahlen standen gegen Zahlen: Mehr als 40 000 im Krieg ausgebeutete Zwangsarbeiter gegen 2500 Kunstwerke, vorsichtig geschätzt 13 Milliarden Mark Firmenvermögen gegen mehrere Hundert Millionen Mark, die dem Zwangsarbeiterfonds immer noch fehlen.

Firmenerbe Friedrich Christian Flick hatte in ein Wespennest gestochen, als er im vergangenen Frühjahr ein Museum für seine Sammlung moderner Kunst in Zürich plante. Die Weigerung seiner Familie, Geld in den Zwangsarbeiterfonds zu zahlen, kollidierte mit den Versuchen der Schweiz, die Rolle ihrer Banken und Kunsthändler im Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Ein „Stellvertreterkrieg“, urteilte Münchens Museumsleiter Christoph Vitali. Der Leiter des Züricher Schauspielhauses, Christoph Marthaler, entschied, er wünsche sich andere Nachbarn.

Worum geht es? Da gibt es einen sehr reichen Mann (Platz 80 auf der Liste der 100 reichsten Männer der Welt), der aus seinem Privatvermögen eine bedeutende Kunstsammlung aufgebaut hat – eine Sammlung, die er der Öffentlichkeit zugänglich machen will. Und es gibt seinen n, den seiner Familie, der mit bitterem Unrecht im Krieg verbunden ist. Es gibt sein Vermögen, das auf den Verdiensten seines Großvaters beruht. Und es gibt die Frage, wie weit seine Verantwortung für die Vorfahren reicht.

Es geht, wie so oft, um Schuld und Sühne. Muss der Enkel für die Verbrechen büßen, die sein Großvater beging? Natürlich nicht. Darf er von dessen Verdiensten profitieren? Wohl ja. Auch die Öffentlichkeit davon profitieren lassen? Herzlich gern. Aber vielleicht doch nur, wenn er angemessen demütig auftritt, mit gesenktem Kopf und im Bewusstsein der großväterlichen Schuld? Wenn er keine Versuche unternimmt, den Namen Flick reinzuwaschen?

Wäre der Aufbau der Sammlung allein mit dem Ziel geschehen, „den Namen Flick wieder auf eine positive Ebene zu heben“, wie es Friedrich Christian einmal recht unglücklich in einem Brief an seinen Onkel formuliert hat, es wäre in der Tat eine Instrumentalisierung der Kunst gewesen, gegen die sich Flick so vehement wehrt. Allein: Mit Stiftungen und Entschädigungen käme er schneller zum Ziel – und hat diesen Weg ja auch beschritten. Doch dass sich jemand der Mühe unterzieht, mit Sachverstand und Liebe zur Kunst eine Sammlung aufzubauen, nur um in der Öffentlichkeit gut dazustehen, geht an der Idee des Sammelns vorbei. Die Qualität der Flick-Collection hat ja bislang noch niemand in Frage gestellt.

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