Schuldenlast : Überlebungsstrategien griechischer Museen

Vom Berg Athos nach Vergina: Wie griechische Museen und archäologische Stätten überleben. Verschiedene Strategien.

Marianthi Milona
Im Schatten des Berg Athos. Der Turm von Ouranoupoli.
Im Schatten des Berg Athos. Der Turm von Ouranoupoli.Foto: Mauritius images

Ouranoupoli, Athos-Halbinsel

„Wenn die Mönche das Beten nicht vergessen hätten, würde das griechische Volk heute nicht leiden“, klagt Lakis Kontos, während er das verrostete Schloss des alten Turms öffnet. Jeden Morgen das gleiche Ritual. Um Punkt 8 Uhr. Seit achtzehn Jahren. Der Turm gilt als das Wahrzeichen von Ouranoupoli und Museum zugleich. Angefangen hat der 46-jährige Beamte vom griechischen Kulturministerium als einfacher Wächter. Heute leitet er das Museum und ist verantwortlich für die nahegelegene Ausgrabungsstätte Zygos, an der Grenze zur Mönchsrepublik Athos. In der Abteilung von Lakis Kontos arbeiten die besten Restauratoren für byzantinische Kunst; Spezialisten für Wandmalereien, Ikonen, Kircheninventare.

Für den Berg Athos mit seinen unschätzbaren Klosteranlagen, seinen antiken Stätten, den wertvollen Wandmalereien und den uralten Bibliotheken ist die griechische Finanzkrise allerdings ein Fremdwort. Bei den orthodoxen Brüdern wuchs die Wirtschaft in der letzten Zeit sogar. Der tägliche Besucherstrom, der morgens in Ouranoupoli die Fähre entert, nimmt sommers wie winters nicht ab.

„Wenn wir uns als Staat nicht am Erhalt der Athosschätze beteiligen, dann übernehmen die Mönche vollends das Ruder“, erklärt der Beamte bitter. Viele Athosmönche leben schon längst nicht mehr nur für das Gebet. Sie sind im ganzen Land im Auftrag der Orthodoxie unterwegs. Machen Geschäfte mit den Ländereien und den Produkten des Athos.

Die Autonomie der Mönche hat die griechische Bevölkerung nie gestört, bis vor zwei Jahren die Skandale ans Tageslicht kamen. Zwielichtige Geschäfte in die auch die damalige griechische Regierung verwickelt war und deren Aufdeckung der Partei von Kostas Karamanlis das politische Ende bereiteten.

Die Mönchsrepublik Athos gehört zum Weltkulturerbe der Unesco, ist Teilstaat innerhalb Griechenlands und steuerfreie Zone. Eigentlich hätten die Mönche genug Wirtschaftskraft, um vielleicht sogar den griechischen Staat aus der Finanzkrise zu retten. Ein glücklicher Umstand sei das für alle Altertümer des 10. Ephorats. Auch für jene, die sich außerhalb der Mönchsrepublik befinden, wie Lakis Kontos betont. Denn am Ende bleibt auch ein ordentlicher Förderbetrag für den Turm von Ouranoupoli und die Ausgrabungsstätte Zygos übrig.

Lakis Kontos fehlt es trotzdem an Mitarbeitern. Er ist seit Jahren der einzige fest angestellte Hauptwächter der Region. Seine Kollegen arbeiten auf Zeit. Ihre Verträge dürfen nach dem aktuellem Arbeitsgesetz nach zwei Jahren nicht mehr verlängert werden. Sie verdienen 700 Euro im Monat, ohne irgendeine Zukunftsperspektive. Lakis Kontos wendet den Kopf und schaut hinauf zur 2033 Meter hohen Bergspitze des Athos. „Gott hat diesen Ort schon längst verlassen“, meint er. „Und wir werden vor die Hunde gehen.“

Die Königsgräber von Vergina

Die Pfirsiche aus der Region von Vergina, 70 Kilometer von Thessaloniki entfernt, sind auf allen europäischen Märkten zu finden. Die Bauern sind das ganze Jahr mit der Pflege ihrer Obstplantagen beschäftigt. Nur wenige üben in dieser Region einen anderen Beruf aus. So wie Kostas Kondojiannis. Als vor 30 Jahren seine Brüder in aller Herrgottsfrühe mit dem Traktor auf die Felder hinausfuhren, durfte er bei den ersten archäologischen Grabungen in Vergina dabei sein. Damals war er 17 Jahre alt. Der Job bei den Archäologen war keineswegs leichter als das Obstpflücken, dafür abenteuerlicher.

Der junge Archäologe Manolis Andronikos begann 1952 in Vergina zum ersten Mal mit einer systematischen Grabung. Ihm gelang die Freilegung großer Teile einer Nekropole. Aber erst Jahrzehnte später wurde seine Theorie bestätigt, als Andronikos auf fünf antike Denkmäler stieß, die zwar zu unterschiedlicher Zeit entstanden, aber zusammen unter den Erdaufschüttungen eines großen Tumulus begraben waren. Unter dem Hügel befand sich eine der sensationellsten archäologischen Entdeckungen der Neuzeit: das Grab Phillips II., des Vaters Alexanders des Großen.

Mit dem Fund des Königsgrabes und seinen Goldschätzen konnten die Archäologen beweisen, dass sich hier das antike Aigai befunden haben muss, einst der Sitz des makedonischen Herrscherhauses der Argeaden. Nach Delphi im Süden des Landes, stellt der Friedhof von Aigai bis heute die bedeutendste archäologische Stätte auf griechischem Boden dar.

Kostas Kondojiannis ist stolz darauf, dass er bei der epochalen Entdeckung dabei gewesen ist. Kaum jemand in seinem Dorf hat damals verstanden, welche Bedeutung die archäologische Entdeckung für die Nachwelt haben würde. Das Aufgeben des bäuerlichen Status kam damals einem sozialen Selbstmord gleich. Längst aber ist das „Mausoleum der Unterwelt“, wie die Menschen in Vergina das neue Museum der makedonischen Königsgräber bezeichnen, weltberühmt.

Vergina ist in dieser Region der einzige Ort, der auch vom Tourismus lebt. Doch nun ist durch den Sparkurs der Regierung alles gefährdet. Die Hoffnung auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag kann ein Mann wie Kostas Kondojiannis aufgeben. Er verdiente vor zwei Monaten noch 1280 Euro im Monat. Mit den neuen Reformpaket der Regierung und der Kürzung von Urlaubs-, Weihnachts- und Ostergeld bekommt er momentan 200 Euro weniger, für jüngere Mitarbeiter sieht es noch schlechter aus.

Das Geld vom Kulturministerium für die Arbeiten im Museum steht aus. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann das Geld eintrifft, wie viel es in diesem Jahr sein wird. Pünktliche Zahlungen hat es für das Museum von Vergina nie gegeben. Trotzdem gehen die Ausgrabungstätigkeiten weiter, weil in den letzten Jahren mehr als 80 neue Gräber außerhalb des Museums entdeckt worden sind. Beim jüngst gefundenen Grab handelt es sich um das Grab der Königin Thessalonike, einer Stiefschwester Alexanders, nach der die nordgriechische Metropole Thessaloniki benannt ist. Still ist es in Vergina bei den Königsgräbern in der Krypta. So tief unter der Erde trotzen die Artefakte den Veränderungen der Oberwelt, den lauten Geräuschen des bäuerlichen Alltags und der Krise im Land.

Thessaloniki, Museum für byzantinische Kultur

„Wissen Sie, was die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Museum ist“, fragt Jiannis Basilikos, Archäologe im Museum für byzantinische Kultur in Thessaloniki, seine neuen Mitarbeiter. „Es ist der Raum, der von den Musen der Antike gehütet wird.“ Dieses Museum ist ein lebendiger Ort und ein Forschungszentrum der byzantinischen und nachbyzantinischen Periode und bietet Möglichkeiten der Fortbildung und Schulung an.

Dass es in Zeiten der Krise ein absolutes Privileg darstellt, einen unkündbaren Job in solch einer Institution zu haben, ist den meisten Kollegen klar. Denn eine der neuen Arbeitsbedingungen, die die „Troika“ aufgestellt hat (so wird das Komitee der europäischen Prüfer genannt, das regelmäßig nach Athen kommt) gibt vor, dass für fünf Beamten, die gehen, nur einer neu eingestellt werden darf. Aber von mehr Verantwortung wollen die Neuzugänge meist nichts wissen. Die ganze Misere der griechischen Bürokratie habe genau an diesem Punkt seine Wurzeln, klagt Jiannis Basilikos. Durch die Reformen muss er einerseits mit weniger Personal auskommen, kann andererseits diese wenigen kaum zum Arbeiten motivieren, haben sie erst mal den sicheren Job in der Tasche.

„ Die Festangestellten erscheinen zu unseren Besprechungen nur selten. Andere feiern immer wieder krank. Die Mitarbeiter im Beamtenstatus kann in Griechenland niemand zum Arbeiten zwingen“, klagt Jiannis Basilikos. Er stellt sich an diesem Morgen auf ein kleines Podest im Museumsfoyer, blickt auf die fünf neuen Kollegen und beginnt seine Rede: „Tausend Jahre lang war Byzanz die bedeutendste Macht in Europa. Drei Dinge charakterisierten diese Macht: die römische Staatsideologie, die griechische Kultur in ihrer Ganzheit und das Christentum. Aus diesen drei Elementen entstand eine kosmopolitische Kultur. Mit Gesetzen, Regeln und Vorschriften, die für alle in selben Maße Gültigkeit hatten. Glaubt ihr, dass dies heute in Europa auch so ist?“

1 Kommentar

Neuester Kommentar