Kultur : Schule der Nation

In jeder Klasse gibt es Streber, Mittelmaß und Sorgenkinder. Letztere schwänzen die Schule, schreiben die Hausarbeiten ab, stören im Unterricht und haben auf dem Schulhof die größte Klappe. Wann immer es um Finanzierungsfragen im Hauptstadtbereich geht, verhielten sich Bund und Berlin wie ungezogene Schüler. Berlin müsse erst seine Hausaufgaben machen, bevor der Bund irgendwelche Finanzzusagen erteile, tönte es reflexartig aus dem Kanzleramt, wann immer ein Berliner Senator angeschlichen kam mit der Bitte, doch vielleicht eine Oper, ein Theater, eine Gedenkstätte oder gleich die ganze Museumsinsel zu übernehmen. Hausaufgaben, das hieß: einen vernünftigen Finanzplan ohne Risiken und Mogelrechnungen aufzustellen, zuverlässig die vereinbarten Leistungen zu erbringen und nicht wie ein mauliges Kind immer neue Forderungen mit immer weniger Rückhalt aufzustellen. Doch das Zeugnis, das die Herren Naumann, Eichel und Nida-Rümelin dem Sorgenschüler Berlin bislang ausstellten, hieß fast immer: mangelhaft mit besonderen Schwächen in Mathematik und Betragen.

Nun soll eine Lehrerkonferenz auf einer Sondersitzung über den Fall befinden. Morgen treffen sich Bundeskabinett und Berliner Senat, um über die Finanzierung der Museumsinsel und über die Bebauung des Berliner Schlossplatzes zu entscheiden. Es ist eine Krisensitzung: Der Schüler Berlin hat die Arbeit ganz verweigert, die Beteiligung der Museumsinsel-Sanierung hingeschmissen und auch das mühevoll erarbeitete Votum der Schlossplatzkommission zur historischen Fassade mit gezielten Störeinwürfen einzelner Senatoren hintertrieben. Und der verständnisvolle Lehrer Nida-Rümelin hat ein solches Verhalten zwar mild getadelt, aber gleichzeitig großmütig mit der Zusage belohnt, die Finanzierung der Museumsinsel ganz in Bundeshand zu übernehmen.

Vielleicht war das Klassenziel von vorn herein falsch gesetzt? Eine Debatte darüber, was Hauptstadtkultur bedeute und was sie wen kosten dürfe, haben Berlins Senatoren gefordert, seit Mitte der 90er Jahre klar wurde, dass Berlin sich mit der Aufgabe, die marode Stadt aus eigenen Kräften zu sanieren, heillos übernommen hatte. Nun wollen sich Bund und Berlin in einem gemeinsamen Ausschuss systematisch darüber Gedanken machen, wie die Lasten zu verteilen seien. Klassensprecher Thomas Flierl durfte beim Bundeskulturminister schon einmal einen Wunschzettel einreichen, was alles aus seiner Sicht unter Hauptstadtkultur falle.

Spät, aber nicht zu spät. Denn 2004 steht die Neuverhandlung des Hauptstadtkulturvertrags an, und auch die Finanzierung der Museumsinsel ist durch die zusätzlich eingebrachten Erträge der Goldmünze bestenfalls für die nächsten zwei Jahre gesichert. Statt sich Schuldzuweisungen wie einen Schwarzen Peter hin- und herzuschieben, ist eine gemeinsame Kommission schon ein wichtiger, hoffnungsvoller Schritt. Sie müsste jedoch langfristig und überparteilich arbeiten. Es besteht die Gefahr, dass ab Herbst ein neuer Schuldirektor eingesetzt wird. Und in Bayern sind die Leistungsanforderungen gerade in den Kernfächern bekanntermaßen deutlich höher.

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