Kultur : "Schulmeisterkantate": Gleich nach den Teletubbies

Carsten Niemann

Schallplattenverkäufer in den Klassikabteilungen kennen das. Immer wieder erkundigen sich Leute mit verzücktem Blick, sie hätten da im Radio ein Stück gehört, da habe ein aufgeblasener Schulmeister eine begriffsstutzige Schulklasse unterrichtet, das sei so lustig gewesen, ob es das zu kaufen gebe? So auch die Mutter des Rezensenten, der von der "Schulmeisterkantate von Georg Philipp Telemann" wie viele andere prompt zur Klassik verführt wurde. Auf der Rückseite befindet sich gewöhnlich die ebenso gewitzte "Trauermusik auf den Tod eines kunsterfahrenen Kanarienvogels".

Beide Stücke bildeten das Herzstück des Telemann-Abends der Staatsoper Unter den Linden. Wobei ruhig noch ein paar Kinder mehr hätten im Apollo-Saal sitzen dürfen, doch die lasen wohl gerade alle Harry Potter. So wie die Mädchen des Kinderchors der Staatsoper: Sie demonstrierten in der halb szenischen Aufführung damit das Desinteresse an den Weisheiten ihres von Klaus Häger verkörperten Lehrers. Dem Rezensenten freilich wird nie eine Aufführung der beiden Kantaten besser gefallen können als die auf jener Schallplatte (auf der immerhin Hermann Prey zu hören war). Aber dass Klaus Häger und die Kinder eine saubere und klare Interpretation boten, das bekam er doch mit. Um den Abend von LP- auf CD-Länge zu bringen, gab es noch zwei neckische Ouvertüren-Suiten des sympathischen Meisters. Die "Burlesque de Quixotte" mit ihren rasenden Windmühlenfügeln und hinkenden Rosinanten ist ein weiterer klingender Beweis, dass man mit Telemann gleich nach den Teletubbies anfangen kann. Der Kritiker jedenfalls hatte die Suite gerne im Schulorchester gespielt - und bewunderte nun das virtuose Spiel der sechs Instrumentalisten, allen voran das des ersten Geigers Bernhard Forck.

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