Kultur : Schumanns literarische Träume

PETER SÜHRING

Unter dem scherzhaften Titel "Berühmte Ouvertüren" luden die Berliner Symphoniker sonntagabends in die Philharmonie, wo man kaum gespielte Werke Schumanns hören durfte.Erst durch diese exzellente Aufführung wurden Schumanns Ouvertüren gerühmt, denn sie sind wegen ihrer fraglichen Tempi und Instrumentation eher umstritten.Lior Shambadals Wiedergabe glich einer positiv ausgegangenen Qualitätsprüfung, obwohl auch er, trotz lebhaftester Darstellung, untilgbar bleibende zähflüssig-lederne Reste nicht wegdirigieren konnte.Wären sie nicht vom berühmt berüchtigten Klavierkonzert unterbrochen worden, hätte man sie auch als eine fünfsätzige "symphonie phantastique" hören können - jeder Satz eine gediegen gebaute, dialektisch bestückte, mit dreisten Regelbrüchen angerichtete, legendäre Erzählung.Schumann verwandelt seine literarischen Träume frei nach etlichen Dichtern in musikalische Wirklichkeiten.Die Darbietung vermochte klarzustellen: Schumanns Musik ist keine malende, sondern in Tönen agierende.Shambadal ließ die thematischen Verwicklungen tatsächlich instrumentell passieren, machte hörbar, wieviel Poesie der Welt und des Menschenschicksals diese Musik aufgesogen hat.Und die Charaktere stimmten: die sich reibende doppelte Männlichkeit im "Julius Caesar", ein jakobinischer Spielmannszug im Streit mit den flüchtigen, sich windenden Liebenden in "Hermann und Dorothea", Duldsamkeit, Intriganz und Verblendung in "Genoveva", tragische Ausweglosigkeit in der "Braut von Messina", krankhafte Magie in chromatischer Verzweiflung im "Manfred".Auffallend die stets nuancenreichen Blech- und die kantablen bis kecken Holzbläser, kleine Trägheitsmomente lediglich bei den Streichern.

In seinem Klavierkonzert wollte Schumann das selber hinkriegen, was er bei Chopin so bewunderte: offene Kampfeslust und intimen Lyrismus, Vormärz-Musik, wenn der Ausdruck gestattet ist.Die vorgeschriebenen Tempi sind fingerbrecherisch, die Gefahr, in einer Mühle der Läufe und Arpeggien festzufahren, enorm.Bei moderiertem Tempo vermied der Pianist Homero Francesch dies glänzend, ohne ins Gegenteil einer überspannten Artikulation zu verfallen.

Die Berliner Symphoniker spielten wie um ihr Leben.Und sie sind natürlich viel mehr wert als diese 6,4 Millionen, die im Berliner Kulturetat jährlich für sie bis jetzt noch fehlen.Aber das könnte ja nun, wenigstens nach der Meinung eines Unterausschusses, anders werden.

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